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16.11.2001 Autor: GRUBE 0

New Order: Berlin, Columbiahalle - (15.11.2001)

61000 Robbie-Williams-Fans can be wrong. Was war das für ein historisches Ereignis im August in Köln: Das erste Konzert von New Order in Deutschland seit acht Jahren. Aber die überwiegend gutaussehenden jungen Menschen, die das Müngersdorfer Stadion besetzt hielten, ließen den Support Act gegen eine Wand aus Ignoranz laufen. Sie warteten voller Ungeduld nur auf ihren Robbie und klatschten erleichtert Beifall, als die vermutlich einflussreichste englische Band der 80er Jahre nach zehn Stücken die Bühne verließ. Dass Robbie Williams nie, niemals auch nur annähernd die musikalische Relevanz von New Order erreichen wird (und es wäre auch unfair, das von ihm zu verlangen), interessierte an diesem somit eher tragischen Abend leider keinen. ++++ New Order haben Deutschland aber verziehen und kamen jetzt noch einmal für zwei Konzerte aus Manchester herüber. Damit hat die Band 2001 schon mehr Gigs in Deutschland gespielt als in den 15 Jahren davor (1987 Düsseldorf, 1993 Loreley/Bizarre). Und sieh da, Berlin weiß das zu würdigen: Die Columbiahalle muss ausverkauft gewesen sein, jedenfalls liefen vor dem Eingang Leute mit "Suche Karte"-Schildern auf und ab. ++++ Drinnen passierte Erstaunliches: New Order brachten als Support den englischen DJ Arthur Baker mit, der meines Wissens auch ein paar frühe Werke der Band mitproduziert hat. Als totaler Nicht-Kenner der DJ-Szene kann ich nur ein eher naives Urteil abgeben: Bakers Set hatte einige sehr unterhaltsame Momente, geriet aber mit 90 Minuten deutlich zu lang. Zum Glück sind New-Order-Fans gutmütiger als die Robbiemaniacs von Köln. ++++ Es folgte ein Intro, das den Grundton des Konzertes schon einmal andeutete: Ein englischer Witzereißer erschien und ließ sich seine Ansagen von einem zweiten ins Deutsche übersetzen: "They are not the Beatles (Sie sind nicht die Käfer!) ... They are not the Rolling Stones ... They are not even New Order ..." Da trat auch schon Bernard Sumner ans Mikro: "Of course we are New Order", begrüßte er Berlin. "Wir waren sehr lange nicht hier. Nicht unsere Schuld. Eigentlich gibt`s keinen, der daran schuld ist. Lasst uns beginnen mit Crystal." So geschah es denn. ++++ Wenn das ein Problem ist, dann hat diese Band eins: New Order/Joy Division produzierten in über 20 Jahren so viel Großes, dass es unmöglich in einem Konzert unterzubringen ist. Die Musiker begegnen dem mit Konsequenz: Sie einigten sich vor der Tour auf eine feste Setliste und wichen davon bisher kein einziges Mal ab, auch in Berlin nicht - bis auf die Tatsache, dass sie auf zwei Stücke ("Close Range" und "Ruined In A Day") komplett verzichteten. Übrig blieben 15 Songs: vier vom aktuellen Album "Get Ready", drei alte Joy-Division-Hits und acht Teile aus dem Werk von `81 bis `93 (komplette Setliste unter www.neworderonline.com). Alles Kracher, kein einziger Durchhänger, selbst wenn Sumner ab und zu Textzeilen durcheinander würfelte oder bei den neuen Stücken seine Stimme kaum durch die Gitarrenwände drang. Den Gesang scheint man beim Soundmix als nachrangig betrachtet zu haben; alles andere kam jedenfalls einigermaßen klar rüber, von Peter Hooks überirdischem, mit nichts zu vergleichendem Bass-Spiel bis zu Drummer Steven Morris` filigraner Hi-Hat-Schwerstarbeit. Zwischen den Songs führte Bernard Sumner die mit dem comedy-haften Einstieg begonnene Linie fort: Keine seiner Ansagen kam ohne einen Schuss Ironie aus. "Jetzt mal was Aktuelleres. Ich meine, das Stück ist von 1993, aber für uns ist das eben aktuell ... Der nächste Song ist für den englischen Fußballer David Beckham. Sind heute England-Fans hier? - Touched By The Foot Of God ... Wir geben sonst nie, nie Zugaben, aber Ihr seid so toll, dass wir heute eine Ausnahme machen." Ab und zu schob er noch ein "I`m only joking" ein, damit auch der Letzte merkte, dass New Order sich selbst nicht immer ernst nehmen und ihren Job inzwischen sehr locker und unverkrampft absolvieren. ++++ Vielleicht noch soviel, dass mir aus dem wie gesagt durchhängerfreien Programm noch zwei Stücke besonders in Erinnerung bleiben: "Ceremony" von `81 und "Close Range" vom aktuellen Album, beide in Berlin als donnernde Abgeh-Hymnen präsentiert, dass einem Hören und Sehen vergehen konnte. Dass es von der großartigen `89er Platte "Technique" kein einziges Stück auf die aktuelle Setliste geschafft hat, ist schade, aber es gibt ja jetzt wieder Hoffnung: New Order hatten in Berlin erkennbar so viel Spaß an ihrem Job, dass sie ja vielleicht nächstes Jahr noch mal wiederkommen. See you at the summer festivals - hopefully.

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