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17.07.2013 Autor: Go Ahead Eagle 0

Lambchop: Wiesbaden - Schlachhof (04.07.2013)

Die große Halle des Schlachthofs wurde wie bereits bei Kvelertak oder Title Fight schön im ersten Viertel abgeteilt. Atmosphäre hat das Ding wie ein überdimensionierter Frachtcontainer. Mehrzweckhallen-Charme.
Unterschied diesmal der sogenannte „Salon“ ist zumindest teilbestuhlt. (wer hier nen Witz macht, wird verhauen!)
Ich war zeitig da und es war nix los. Also erst mal die neue Platte einsacken plus Nixon oben drauf und die wenigen 10“ Platten des Supportacts angeschaut.
Interessanterweise stellt sich zum Supportbeginn heraus, dass ich vorher nen Meter von ihm entfernt gesessen hab, als er sich noch gemütlich das erste (?) Bier des Tages genehmigte.
Er nennt sich Oldseed und hat normalerweise ein paar Mitmusiker um sich. Heute aber bloß seine Akustische im Schlepptau. Ein paar Brocken deutsch und den Hinweis, dass er aus Winnipeg stammt genügen um mich auf seine Seite zu ziehen. Wer aus Winnipeg stammt, kann nur großartig sein!
Auch ohne rosarote Brille bestätigt sich der Eindruck. Kleine Songwriterperlen garniert mit sanfter Stimme, die durchaus zu Ausbrüchen in Richtung Gänsehautbereich im Stande ist, werden in einer knappen halben Stunde dargeboten. Also zieht es mich noch mal zum Merchstand. Es lagen immer noch die gleichen 3 Platten aus. Eine Dame vor mir schnappte sich eine, ich dann die anderen beiden und die Merchtante bestätigt mir, dass das tatsächlich alles war, was er dabei hatte.

Ein halbes Radler später betrat Kurt Wagner die Bühne. Eine faszinierende Erscheinung. Eine Mischung aus Weihnachtsmann, Trucker und Metzger. Mittlerweile im höheren Alter und unter der Truckerkappe blitzt tatsächlich ne Glatze durch. Er und seine 5 Mitmusiker verteilen sich im Halbkreis über die Bühne. Meinen Platz hab ich schlecht gewählt, ich sitze ca. 3 Meter von Kurts Rücken entfernt und sehe den überaus witzigen Keyboarder gar nicht. Was dann kommt ist so unfassbar lässig und entspannt und der Trip beginnt.
Diese Mischung aus Americana, Folk und langsamem Bar-Jazz lässt die Gedanken schweifen. Der Kopf in der warmen Küstenbrise Kaliforniens, die Leber in einer schmutzigen Tequillapinte in Tijuana, die Füße im Wüstensand und der ganze Körper im Schwebezustand wie im weichen Daunenbett. Märchenonkel Kurt könnte Wuppertaler Telefonbücher vorlesen und ich würde trotzdem dahinschmelzen. Die Songs deckten ein ordentliches Spektrum des Lambchopschen Schaffens ab, wobei die meisten Songs doch eher von den letzten beiden Alben stammten. Zwischendurch bedankte sich der schwer versaute Keyboarder noch für die zahlreichen Zuschauer, die auch nach 20 Jahren immer noch und immer wieder kommen und für das viele Geld das sie mitbringen. Denn früher waren sie so arm, so behauptet er „that we had to jerk off the dog to feed the cat.“ Und das war längst nicht der härteste Kalauer.

Gegen kurz vor elf verließen die 6 zum ersten Mal die Bühne, aber bloß um kurz drauf noch ne Stunde dran zu hängen. Ich nutzte die Gelegenheit um den Sitzplatz am Rand gegen einen Stehplatz weiter hinten, dafür mittig einzutauschen um endlich alle Mann zu sehen und Kurts ausgefeiltes Gitarrenspiel zu begutachten.

Ein toller Abend, der dringend nach Wiederholung schreit! Wenn es die nächsten 20 Jahre so weiter geht, dann nehmt mich mit auf die Reisen.

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