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30.09.2012 Autor: caffeine 2

Anathema: Plovdiv (BG) - Ancient Theatre (22.09.2012)

"Flying" hat eigentlich kein richtiges Ende, dieser Anathema-Klassiker wabert einfach so aus. An diesem Abend ist sein Ende aber groß. Denn da gibt Danny eine kleine Melodie vor, das Publikum hat sie sofort und wiederholt minutenlang. Die Band schaut staunend hoch in die steilen Ränge mit dem singenden, summenden Publikum, und Vincent sieht aus, als müsse er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen vor Rührung. Es ist einer von vielen Gänsehaut-Momenten dieses besonderen Konzerts.

Wahnsinnig schön ist die Kulisse des antiken römischen Amphitheaters in Bulgariens zweitgrößter Stadt Plovdiv. Jedes Jahr lädt sich die Plovdiv Philharmonie Künstler aus dem "Rock"-Genre ein, um beim "Sound of the Ages"-Festival gemeinsam mit ihnen an diesem außergewöhnlichen Ort zu spielen. Nun sind Streicher nicht gerade Fremdkörper in Anathemas Musik. Trotzdem muss eine gehörige Portion Arbeit in den Arrangements und Vorbereitungen für diesen Abend stecken. Am Tag des Konzerts proben Orchester und Band sehr intensiv im antiken Theater, vom frühen Vormittag bis zum späten Nachmittag hallen an diesem sonnig-heißen Spätsommertag immer wieder Anathema-Songs durch die Altstadt.

Aber natürlich sind sie alle Profis genug, um am Abend frisch, gut gelaunt, konzentriert und wie aus dem Ei gepellt zu wirken. Lee hat den Freizeitdress vom Tag gegen ein hautenges Kleid getauscht. Schließlich wird an diesem Abend nicht nur ein besonderes, ein einmaliges Konzert gespielt, sondern auch Anathemas nächste Live-DVD aufgenommen. Die Kameras halten sich aber dezent zurück, sind nirgends im Weg und stören den Blick auf die Bühne nicht. Einzig die teils abenteuerlich verlegten Kabel auf den abenteuerlich von abertausenden Füßen eingetretenen steinernen Treppenstufen sind etwas hinderlich. Viele Sprachen werden hier gesprochen, denn Fans aus ganz Europa sind nach Plovdiv gepilgert.

Um 20 Uhr ist es schon ganz dunkel, der Halbmond steht über den Ruinen. Anathema beginnen mit Untouchable, Part 1 & 2, und niemand bleibt sitzen. Es liegt von der ersten Sekunde an eine wundervolle Stimmung über der Arena. Die Light-Show ist gelungen, nicht zu viel, gerade richtig, um die alten Säulen anzustrahlen und kreisende Muster auf den Bühnenboden zu werfen. Ein glückliches Publikum spendet immer wieder Szenenapplaus für besonders gelungene Song-Passagen. Die Philharmonie, sie ist oft im Theater-Nebel und wirkt deshalb ein bisschen entrückt, überlässt Anathema allen Raum. Manchmal sind die Streicher aber zu sehr im Hintergrund. Bei einem Song wie Closer etwa, bei dem Anathema ordentlich Bass auf die Drums geben, sind die weniger verstärkten Streicher nur zu erahnen. Doch es gibt immer wieder Großartiges im Zusammenspiel zu hören, vor allem bei den sphärisch-schwebenden Stücken von "We're Here Because We're Here", die hier viel mehr Kraft und Tiefe und Charakter erhalten. "A Simple Mistake" wird so zu einem Höhepunkt des Abends.

Dass Anathema das Publikum auffordern, bei "A Natural Disaster" Feuerzeuge und Displays anzuknipsen, ist nicht neu. Aber wurde dieser wundervolle Song jemals vor beeindruckenderer Kulisse als diesem Lichtermeer im steinernen Halbrund gespielt? Überwältigend ist das, denn Lee singt dazu engelsgleich. Überhaupt sind sämtliche Gesangsparts an diesem Abend ohne jeden Tadel. Der einzige, dafür aber dicke Lapsus unterläuft Keyboarder Daniel, der sich beim Intro von "The Beginning And The End" böse verhaut. Dafür ist "One Last Goodbye" so schön, dass es fast wehtut. Die Orchester-Version von "Fragile Dreams" tut ihr übriges, den Fans das Wasser in die Augen zu treiben und beendet das gemeinsame, etwa zweistündige Konzert. Die Musiker von Anathema und die der Philharmonie umarmen sich glücklich; sie wissen, dass es ein großer Abend war.

Anathema sind Meister im Erzeugen von Gefühlen, sie können ergreifende Stimmungen schaffen. Doch so gerührt will die Band die Fans und sich selbst offenbar nicht entlassen. Man merkt, dass sie Lust haben, noch ein bisschen Krach zu machen. Im Zugaben-Block ohne Orchester vertreibt dann auch das extra schnell gespielte "Panic" rasch jedes Tränchen im Auge. Und den Abend beschließt die Rock-Version von "Fragile Dreams", die Danny mit einem neuen Solo krönt. Anathema haben eine sehr gute Entscheidung getroffen, dieses einmalige Konzerterlebnis vor großartiger Kulisse auf DVD festzuhalten.

Fotos

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Kommentare (2)

Avatar von nequeo nequeo 08.10.2012 | 15:51

Schöne Review, danke!

Avatar von housefrau1981 housefrau1981 12.10.2012 | 10:55

Supertolle Review, man merkt sofort, dass das ein besonderer und einzigartiger Abend war! Freu mich gleich nochmehr auf die DVD ;)

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