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04.10.2008 Autor: keksen 0

Bon Iver: Köln - Gebäude 9, Support: Anaïs Mitchell (30.09.2008)

Eigentlich sprachlos, aber ohne Worte lässt sich so schlecht schreiben. Hier also: Was man dann doch so alles zu sagen hat. ||| Müssen alle mal || ... zum Klo und Anaïs Mitchell gehört haben! Eine kleine Frau mit Gitarre, die einen Bewegungsdrang an den Tag zu legen vermochte, der wie eine Mischung aus fröhlich-marschierenden Tanzschrittchen und einem "Ich muss dringend zur Toilette"-Trippeln wirkte. Der Gesang erinnerte mich teilweise an Ani DiFranco, war dann aber doch wieder ganz anders. Auf eine kindliche Art melancholisch mit einer leicht miauenden Note. Bei den Songs zur E-Gitarre musste ich an die vielen unvergesslichen Live-Darbietungen von Bernd Begemann denken (warum auch immer), aber trotzdem gefielen mir die akustisch gespielten Songs besser. || "Leaving with a Dylan song" || Sprach's – und tat's. ||| Nein, nicht der Mädchenname von Bon Jovi ... || "Bon Iver" (sprich: "bohn eevai") ist "anglisiertes" Französisch (bon hiver: "guter Winter"). Kurze Begründung Justin Vernons für die bewusste Falschschreibung: "The 'H' just didn't look right." Vernon ist Bon Iver - Bon Iver ist Vernon, auch wenn ihn auf der Bühne drei weitere Musiker begleiten. In der Jagdhütte seines Vaters in Wisconsin erlebte der Amerikaner drei Monate lang sein ganz persönliches "Leben in den Wäldern", um eine Lebenskrise zu meistern. So entstand "For Emma, forever ago"; ein Winter-Album, für das mir am häufigsten ein bestimmtes Wort in den Sinn kommt: ergreifend. Justin Vernon leidet, aber er jammert nicht. Die Musik ist aufrichtig-emotional, völlig kitschfrei und hat so etwas erwachsen-gefasstes, obgleich Wut und verzweifeltes Unverständnis aufgrund des Verlassenwerdens, des Endens von Etwas, schmerzhaft spürbar sind. Wird wohl jeder kennen, diese Ohnmacht gegenüber den Dingen, wie sie nun mal sind – oder einem von jemand anderem zugemutet werden. Das muss man erst mal verarbeiten - und wenn man sich dafür in der Wildnis verkriecht. Ein bisschen sah er auch so aus, als wäre Vernon geradewegs aus seiner Winterschlaf-/Schrägstrich/'creative power(napping)'-Höhle gekrabbelt. Nicht schratig, aber zerwuselt und irgendwie noch nicht ganz zurück in der "richtigen" Welt. Ein Teil von ihm wird wohl immer an diesem fernen Rückzugsort bleiben. Aber die Lieder, die der Mann von dort mitgebracht hat, sind nicht nur ein Werkzeug für ihn, mit seiner Situation umzugehen, sondern haben auch einen mächtigen Einfluss auf die Menschen, die sie hören. Nicht zuletzt auf mich. || "I toured the light; so many foreign roads for Emma, forever ago." || An "Liebe auf den ersten Blick" glaube ich nicht (mehr), aber seit ich diese Songs zum ersten Mal gehört habe, bin ich ihnen verfallen! Halte momentan keinen Tag mehr ohne aus. Deswegen hatte ich ohne zu zögern die Reise zum Gebäude 9 auf mich genommen, und das war jeden Kilometer, jede Sekunde wert! Ob über vierstimmigen Männerchor, verhalten-leise Töne oder losbrechende Krachkaskaden – ich stand einfach nur da, überwältigt, fast andächtig und, ja, ergriffen von diesen einnehmend-schönen Liedern. So bewegt, und doch nur schwerlich in der Lage mich zu rühren – und dabei ist es doch bloß Musik ... (von wegen "bloß"!) Weder fähig zu lachen noch zu weinen, obwohl mir nach beidem zumute war. Völlig ruhig und aufmerksam habe ich einfach nur jeden Augenblick genossen. Auf das Schlagzeugdreschen in "The Wolves (Act I And II)" hatte ich mich besonders gefreut. Wie ein Unwetter auf hoher See, das plötzlich und unfassbar heftig über dich hereinbricht und ebenso schnell wieder vorübergezogen ist. Ich bin kein Seefahrer, aber so stelle ich mir das vor. Bei "Creature Fear" ein ähnlicher Effekt: fing so was von langsam, breit und schleppend an, dass nicht unbedingt mit einer solchen Heftigkeit im Refrain zu rechnen war – zumindest mir wollte der Atem stocken. Und dann "Re: Stacks"! So verletzlich vorgetragen und doch mit einer solch unglaublich aufrechten Haltung, die ausdrückt: 'Du hast mich zwar am Boden zerstört zurückgelassen, aber ich stehe wieder auf. Ich sage dir "Leb wohl" – und mache weiter, erhobenen Hauptes und stärker als zuvor.' || Nearly gesprachlost || Ich kann meiner Begeisterung kaum die richtigen Worte geben und hoffe so sehr, dass von all dem hier letztlich mehr als nur eine weitere CD im Regal und ein Konzertticket an der Wand bleiben. Das Beste ist ja oft nur deshalb so gut, weil es endlich ist, begrenzt, und weil man es nicht halten und nicht wiederholen kann. Nur der Moment ... nur dieser eine Moment! Und wenn doch etwas bleibt, dann wird es Teil des eigenen Lebens. Bei den wirklich besonderen Eindrücken passiert das manchmal. Und wenn man wie Justin Vernon an ein Schicksal glaubt, das nicht vorgefasst ist, sondern von jedem selbst gestaltet werden kann, dann bleibt auch dieser Eindruck, dieser Abend, diese Musik – in meiner Erinnerung, meinem Herzen, meinem Leben. Und wie das Schicksal, der Zufall, "life, the universe and everything" es wollen, begegnet mir ausgerechnet jetzt diese (nicht nur) momentan so einfache wie passende Feststellung, die ich ohne zu zögern auch auf CDs, Konzerte und Menschen erweitern würde: "Schallplatten können die Welt verändern. Oder zumindest unser Leben ... Wenn wir es zulassen." (Jens Raschke, "Disco Extravaganza").

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