Zur mobilen Seite wechseln
16.03.2004 Autor: sandraanni 0

Billy Bragg: Köln - Prime Club (11.03.2004)

Revolution und Platzkarten

Sie stehen angewurzelt - die angegrauten Herren, mit verschränkten Armen und missvergnügter Miene - unnachgiebig. Kein Durchkommen im Prime Club an diesem Abend. Ausverkauft das Konzert.

Lediglich bei der zierlichen, lieblichen Jill Sobule lösen sich ihre Gesichtszüge. „I love you all“ sagt sie und singt „I kissed a girl“ und sagt “Bush ist Scheiße” und “Alle Amerikaner nehmen Antidepressiva.“ Sie fragt: „You got lights?“ Feuerzeuge? Feuerzeuge! Feuerzeuge werden gezückt, entbrannt. Mit den Feuerzeugen in der Hand entgleisen den bleiernen Herren für einen Augenblick die stählernen Physiognomien.

Dann muss sie gehen, um dem Sprachrohr der Linken Großbritanniens Platz zu machen, dem Mann, der seit zwanzig Jahren die fleischgewordene „political correctness“ repräsentiert. Ein Gitarrenmann mit Protestsongs - gegen die konservative Regierung, für klare Worte. Der Mann von „A New England“.

Die grauen Herren sagen: Billy Bragg, ein poetischer Barde. Zwei betrunkene Fans gröhlen. Billy, der Punk-Rocker. Drohend der Zeigefinger. Die düsteren Mienen der alten Männer sagen: „Billy sollte demnächst Platzkarten ausgeben und Rauchverbot erteilen und Lachverbot und so.“

Billy Bragg erzählt an diesem Abend viel - und flammend. Über „american imperialism“, „capitalism“, “fascism” und „working class movement“, „miners strike“, „power in the union“ und „awful bombs“ in Spanien. Viel ist an diesem Abend „not acceptable” - so sagt er, der rote Billy – auch mit fast 25 Euro Eintritt. Vergessen. Der Entertainer vergisst die Anekdoten nicht: in den Siebzigern, als er mit Morrisey in Manchester um die Häuser zog und der CD seiner Punk-Combo „Riff Raff“, die er 1977 gründete, es aber trotz der Veröffentlichung mehrerer Singles und EPs nicht geschafft hat, Fuß zu fassen. An diesem Abend versucht er’s noch mal und preist sie zum Verkauf an.

Billy – der Revolutionär mit leichtem Doppelkinn, kleinem Bäuchlein und der Sehnsucht nach Familie und Freunden während er am Nachmittag im Hotel festsitzt und durch die Kanäle zappt. Deshalb lässt sich Billy nicht lang bitten, sagt schnell noch: „You make me feel like Saturday night“. Zwei Zugaben folgen umgehend. Die Assistentin reicht ihm drei heiße Tees an diesem Abend.

alle Konzertkritiken aus der CommunityKonzertkritik schreiben

Bitte einloggen, wenn du diese Konzertkritik kommentieren möchtest.