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Höhere Mathematik bei und mit Prof. Puder

39 Beiträge - 2979 Aufrufe

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21.01.2018 | 13:51 » Moderation benachrichtigen
Entgegen der zunächst einschiessenden Assoziation, ist dies leider kein Thread über den theoretischen Aspekt astronomischer Gleichungen. Zwar sind mir die Grundrechenarten bekannt und funktionieren im Kopf sehr gut, schon Geometrie jedoch führt zu wüsten Beschimpfungen der Marker "Hexenwerk!" meinerseits. Wer mir mit Vektoren kommt, den bewerfe ich umgehend mit meinem Kot.

Nein. Hier soll es vorrangig um ungewöhnliche Spielarten der Extremmusik gehen, faktisch dem Hardcore respektive Metal (die Grenzen dort sind fliessend). Natürlich liegt der Ursprung im Jazz. Da darüber aber allein schon wochenlang lamentieren kann, rücke ich den zumindest erstmal aus dem Fokus.

Ähnlich wie bei Etis nebulöser Shoegazeobsession, fühle ich mich im Forum recht allein mit meiner Faszination für Mathcore und ähnliche Extreme. Das führt vermutlich zu ziemlichen Monologen. Ich würde das dann einfach wie Lunas Radiothread handhaben. Mehr oder weniger zur Selbstdokumentation und dem Festhalten von Entdeckungen. Das heisst aber nicht, dass hier nicht kommentiert oder selbst das Wort erhoben werden darf.

Zunächst mal ein kurzer geschichtlicher Abriss, damit man weiss, womit man es überhaupt zu tun hat:
21.01.2018 | 14:11 » Moderation benachrichtigen
Na, dann bin ich mal gespannt.
21.01.2018 | 14:12 » Moderation benachrichtigen
Die Geschichte des Mathcore ist ein wenig diffus. So wirklich kam der Begriff erst nach dem Erscheinen des Dillinger Escape Plans auf, die diesbezüglich als Pioniere gelten. Sie sind gleichermassen auch die erfolgreichsten und bekanntesten Vertreter des Genres. Bzw. waren. Mit Abschluss des Jahres 2017 lösten sie sich nach 20-jährigem Bestehen auf. Jedoch gab es vorher bereits reichlich Bands, die unkonventionelle Rhythmen in harte Musik implementierten. Diese wurden bis dahin allgemein als Noisecore bezeichnet.

Eine der ersten Bands, die im frisch gegründeten Genre Hardcore untypische Wege gingen, waren Black Flag.Deren zweites Album "My War" gilt als äusserst einflussreich nicht nur für die gesamte Szene, sondern auch für andere Stile wie Sludge oder Grunge. Die B-Seite enthielt massiv von Black Sabbath inspirierte, überlange Songs, die eher schleppend und mit teils ungewöhnlicher Rhythmik bzw. instrumentaler/vokaler Unberechenbarkeit aufwarteten. Das verstörte viele Fans aus der Szene, die schnellen Hardcore-Punk mit Attitüde hören wollten. Gleichermassen stiess es jedoch für den Hardcore die Tür auf. Plötzlich erschienen Kombinationen und Einflüsse aus sämtlichen anderen Richtungen möglich.
21.01.2018 | 14:42 » Moderation benachrichtigen
Dem folgten schnell Bands wie Neurosis. War deren Debüt "Pain Of Mind" noch sehr orientiert am Hardcore-Punk, wies es doch klare Black Flag-Referenzen auf. Spätestens mit dem kultigen, dritten Album "Souls At Zero" definierten sie dann den Post-Metal bzw. Sludge. Songs wie "Through Silver In Blood" liessen sie jedoch auch immer Teil der Noisecore-Szene bleiben.

Anfang der 90er schien es dann eine regelrechte Explosion im Sektor zu geben. Zahllose Bands vermischten Elemente aus Hardcore, Punk, Metal, Grindcore, Jazz und progressive Rock. Meist bewusst atonal und dissonant. Es ging um musikalische Extreme, geordnetes Chaos. Das beinhaltete ein ausgesprochenes Können im instrumentalen Bereich ohne das eine Reproduktion im Live-Sektor unmöglich wäre. Frühe Erforscher des Bereichs hiessen Today Is The Day, Starkweather, Rorschach, Cable oder Knut. Vom Forenliebling Converge ganz zu schweigen. Letztere haben sich aber nie als aktiven Teil der Szene (der Hardcore/Punk-Szene an sich aber sehr wohl) verstanden, da sie sich grundsätzlich von Genrebezeichnungen frei sprachen.
21.01.2018 | 15:22 » Moderation benachrichtigen
Als äusserst wichtig für die Szene in den 90ern gelten insgesamt 3 Bands:

Zunächst waren da Botch, die mit ihren schrägen, aber groovenden Riffs die Grundlage für den späteren krachigen Metalcore bildeten und stilistisch zahlreich kopiert wurden. Sie schafften es nur auf zwei Alben: American Nervoso und We Are The Romans. Plus 3 EP's und reichlich Splits/Sampler-Beiträgen, waren sie im HC seltsamerweise gern gesehen (die NYHC-Fans schalteten lange auf stur den Stil als regulären Bestandteil anzuerkennen, da dieser sich den üblichen Attitüden und der Aufgeräumtheit des ursprünglichen Sounds verweigerte). Vermutlich waren es die ausufernden Live-Darbietungen und der wuchtige Sound, der nachhaltig beeindruckte.

Aus Kansas kamen Coalesce. Die hantierten mit ständigen Wechseln und dem scheinbar atmungsresistenten Sean Ingram, der sehr rhythmusorientiert hustete. Ihre Hochzeit war Ende der 90er mit den 3 Alben:
Give Them Rope
Functioning On Impatience
0:12 Revolution In Just Listening (Album nicht bei Youtube)
und dem 2009 nochmal erschienenen und ebenfalls sehr guten
Ox (ebenfalls nicht auf Youtube)
Drummer war übrigens lange Zeit James Dewees, der mit Reggie And The Full Effect und als Keyboarder bei den Get Up Kids ganz andere Wege beschritt.

Zu Converge muss man ja nicht mehr viel sagen, ausser vielleicht, dass sie mit der Zeit tatsächlich noch härter geworden sind. Das Debüt "Halo In A Haystack" klang noch sehr holprig und auch die Nachfolger "Petitioning The Empty Sky" / "When Forever Comes Crashing" gelten jetzt nicht direkt als "beeindruckend", der Kniefall erfolgte mit dem Meisterwerk "Jane Doe". Alles danach dürfte vielen hier einigermassen bekannt sein.
21.01.2018 | 15:58 » Moderation benachrichtigen
1999 passierte dann etwas eigenartiges. Eine bis dahin weitgehend unbekannte Band namens The Dillinger Escape Plan veröffentlichte Calculating Infinity. Das Album ging in seiner Extremität noch ein paar Schritte weiter. Es war zwar noch klar von Botch und Co. inspiriert, kombinierte die Songs aber mit akzentuierten Jazzeinlagen, Blastbeats und an komplexen Taktwechseln fast schon berstenden Passagen, die Normalhörern die Schweissperlen auf die Stirn trieben. Der Impact war so nicht zu erwarten. Zumal die Metalszene zum ersten Mal beeindruckt Notiz nahm. Im technischen Death Metal waren solche Praktiken nicht unbekannt, in einer solchen Intensität und spielerischen Ausgefeiltheit aber auch eher rar.
Zumal das mit der selbstbetitelten Debüt-EP so noch nicht direkt zu erwarten war, spiegelte die noch eher den Klang der oben genannten Vorreiter wieder. Die Nachfolge-EP Under The Running Board gab da schon deutlichere Hinweise. Die 3 Songs hätten problemlos auf dem Debüt-Album stehen können. Nur hatte die damals keiner auf dem Schirm.
Jedenfalls waren Musiker und Hörer von extremer Musik gleichermassen beeindruckt. Sogar open minded Jazzer empfanden das Gehörte als respektabel.
21.01.2018 | 16:10 » Moderation benachrichtigen
Dann passierte, was vielen Bands schon den Kopf kostete. Frontmann Dimitri Minakakis trat aus. Eine hochtalentierte Band stand nun ohne Sänger da. Das bekam ein gewisser Mike Patton mit, der seit geraumer Zeit schon Fan der Band war. Die Mitglieder waren völlig von der Rolle, als klar war, dass Mr. Faith No More seine Stimmbänder zumindest für eine EP hergibt. So entstand Irony Is A Dead Scene. 3 Songs mit schon bekanntem Wahnsinn wurden nun durch Pattons Stimmkaskaden, die er mit Fantomas ja bereits schulte, nochmal qualitativ potenziert. Auffällig war, dass auch die Band sich von der Vergangenheit des Sängers anstecken liess und nicht mehr ausschliesslich auf's Pedal trat. Synthies wurden eingefügt, die Songs konnten etwas gestreckt werden. Wer hätte auf "Calculating Infinity" etwas mit sechs Minuten Länge erwartet? Der kreative Befreiungsschlag sollte anschliessend massive wichtig für die Band werden. Den Abschluss der EP bildet übrigens das Aphex Twin-Cover "Come To Daddy". Mehr als passend.
21.01.2018 | 16:27 » Moderation benachrichtigen
Nun war allerdings klar, dass Patton keine bleibende Rolle in der Band einnimmt und so wurde die Suche nach einem neuen Sänger fortgesetzt. Der hatte jetzt aber erhöhte Anforderungen, denn den Kniff mit Alternative-Elementen wollte sich die Band beibehalten. Nach einigem Suchen wurde Greg Puciato Nachfolger und sollte bis zum Schluss bleiben. Der schaffte es tatsächlich, Pattons Wahnsinn aufzunehmen und ihn mit noch potenterem HC-Gebrüll als der Chef es selbst drauf hat zu verschärfen. Das aufgenommenen Ergebnis nennt sich Miss Machine. Und gilt beim Urheber des Threads als die Nummer 1 der Band. Eine irrwitzige Fahrt auf einer entgleisenden Achterbahn aus der Technik des Vorgängers und überraschend eingängigen Momenten, gemixt mit Einflüssen aus elektronischer und progressiver Musik. Das führt zu klaren Refrains in "Setting Fire To Sleeping Giants" und einer Ballade (ja, richtig gehört) namens "Unretrofied" auf der einen, fassungslos machende Muskelspiele der Marke "Baby's First Coffin" oder Psychohirnficks wie "Phone Home" auf der anderen Seite. Das Album klingt bis heute unverbraucht und trotz allem bisher gehörten immer noch brachial.
21.01.2018 | 16:54 » Moderation benachrichtigen
Danach war alles klar. Die Band komplett und stabil, also konnte es reibungslos weitergehen. Der Nachfolger Ire Works führte alles weiter, was die Band bisher aufzeigte. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die Band Eingängigkeit diesmal mehr auf einzelne Songs legte ("Black Bubblegum", "Milk Lizard", "Dead History", "Mouth Of Ghosts") und diese gleichberechtigt neben den kranken Scheiss stellte. Das wäre auch mein einziger Kritikpunkt.
Drei Jahre später erschien Option Paralysis. Und zumindest bei mir machte sich das erste Mal eine gewisse Ermüdung breit. Zwar gierte ich nach neuem Material der Band, gleichzeitig wirkten mir einige Songs aber ein wenig zu verkopft (witzig in dem Zusammenhang) bzw. bei den relativ langen Tracks nicht zwingend genug. Deswegen gibt es hier trotzdem z.B. mit "Gold Teeth On A Bum", "Widower" oder "Farewell, Mona Lisa" pures Gold zu entdecken.
Wieder 3 Jahre später sah das ganz anders aus. "One Of Us Is The Killer" klickte sofort. Gönnte sich mit dem Titeltrack einen fast reinrassigen FNM-Song und liefert im selben Moment mit "When I Lost My Bet" einen der besten Songs der gesamten Diskografie. Die blanke Wut in "Hero Of The Soviet Union" oder das völlig abgedrehte "Understanding Decay" markieren absolute Glanzpunkte und machen das Album für Fans eigentlich unverzichtbar.
Das anschliessende Album "Dissociation" sollte sich recht schnell als von der Band geplantes Abschiedsalbum herausstellen. Das jahrelange Touren als Nischenband stellte sich als aufreibende und vor allem finanziell nicht mehr tragbare Mammutaufgabe heraus. Dementsprechend depressiv klingt es. Man kann es trotz nach wie vor fantastischen Songs ("Limerent Death", "Honeysuckle", "Nothing To Forget", Titeltrack) wahrscheinlich als das schwächste Album der Gruppe bezeichnen. Einige Tracks wirken wie Kopien einstiger Grosstaten oder finden keinen richtigen Zugang zu sich selbst. Das steht wiederrum erstaunlich nah am Konzept des Sich-Entfremdens und schliesst den Kreis wahrscheinlich treffender, als es die Intention war.

The Dillinger Escape Plan gelten als absolut federführend für ein ganzes Genre und wurden deshalb so ausführlich von mir abgehandelt. Ehre wem Ehre gebührt.
21.01.2018 | 17:50 » Moderation benachrichtigen
Strg + F, "Bungle", 0 Treffer. POWDER!
21.01.2018 | 18:04 » Moderation benachrichtigen
Mr. Bungle werden nochmal separat abgehandelt, weiter davor müsste ich aber noch näher auf Zappa eingehen. Auch das kann hinten raus passieren, zunächst wollte ich mich aber explizit am Thema Mathcore/Noisecore abarbeiten. Für die spielten Bungle und Co. sicherlich auch eine gewisse Rolle, primär speiste sich das dort jedoch aus extremer Musik. Der Avantgarde-Sektor wurde erst ab den 2000ern richtig relevant für's Genre. Dazu komme ich noch.
21.01.2018 | 18:40 » Moderation benachrichtigen
You're a loose cannon, but you get results. I'll let you off the leash this time.
21.01.2018 | 22:25 » Moderation benachrichtigen
Beeindruckende Arbeit. Habe noch nicht alles gelesen, aber bisher sehr interessant.
21.01.2018 | 22:52 » Moderation benachrichtigen
Nicht meine Musik, ich habe trotzdem alles interessiert gelesen :)
22.01.2018 | 08:43 » Moderation benachrichtigen
so ziemlich das schrägste und dennoch "ernst" gemeinte (?), was ich kenne.

22.01.2018 | 10:23 » Moderation benachrichtigen
Jähr, der gute alte Foltergarten :cheers: !
22.01.2018 | 19:51 » Moderation benachrichtigen
die höhere mathematik behandelst du im laufe des semesters noch, powdi? bis hier ist selbst mir alles bekannt (also alle bands, nicht jedes album).

Ähnlich wie bei Etis nebulöser Shoegazeobsession, fühle ich mich im Forum recht allein mit meiner Faszination für Mathcore und ähnliche Extreme.Powder To The People, 21.01.2018 13:51 #

mit dem bisherigen füllst du doch den großen forums-hörsaal, oder täusche ich mich da? dagegen wär mein schuhe-kurs wie ethik & philosophie als wahlfach. okay, die geschichtlichen anfänge vielleicht auch nicht.
22.01.2018 | 20:05 » Moderation benachrichtigen
Liest sich super :cheers:
22.01.2018 | 20:08 » Moderation benachrichtigen
@eti
Natürlich, das war bisher nur Vorbereitung für eine dezidierte Abarbeitung. Naked City und John Zorn werden später noch eine Rolle bezüglich dem Avantgarde Metal spielen, aber wie gesagt - zunächst erstmal die Mathcore/Noisecore-Schiene.
22.01.2018 | 20:28 » Moderation benachrichtigen
so ziemlich das schrägste und dennoch "ernst" gemeinte (?), was ich kenne.

MartinwillVinyl, 22.01.2018 08:43 #


Seitens der Bläser höre ich da Teile vom Insel der Freude-Soundtrack raus.

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