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VISIONS 298

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21.12.2017 | 09:44 » Moderation benachrichtigen
Ich würde mich auch gerne äußern, ich weiß nur überhaupt nicht wie.
Das Thema / Die Vorfälle sind viel zu komplex, um eine einfache und klare Meinung zu haben.
Ich war nicht dabei, kenne die betroffenen Menschen (Opfer und Täter) nicht mals, habe überhaupt keine Ahnung, was vorgefallen ist und weiß erst recht nicht, wie die Vorfälle emotional aufgenommen und über die Jahre verarbeitet wurden.
Einem Opfer die Glaubwürdigkeit abzusprechen, weil sie viel zu spät auf einen metoo-Zug aufgesprungen ist, ist so ziemlich genauso scheiße, wie Lacey vorzuverurteilen.

Ich kann mir schwer vorstellen, dass der Vorfall vor einem Gericht landet und jemand ein offizielles Urteil sprechen wird. Ich weiß nichts von einer Anklage und kenne mich mit der Beweispflicht und den Verjährungsfristen des amerikanischen Rechts nicht aus, glaube allerdings, dass Aussichten auf ein Urteil sehr schlecht sind. Somit ist vermutlich zumindest aus rechtlicher Sicht (noch) "nichts strafbares passiert".

Ich kann nur für mich sprechen und sagen, dass es mir schwer fällt die Science Fiction unvoreingenommen zu hören und Textstellen nicht umzuinterpretieren. Das Album ist darüberhinaus leider das Werk einer Band. Bestehend aus mehreren Charakteren, die alle großen Einfluss auf das hervorragende musikalische Werk hatten und sich nichts dergleichen haben zu Schulden kommen lassen. Zugleich nehme ich sie alle mit in Sippenhaft.

Ich weiß nicht wirklich, wie ich mit solchen Themen umgehen soll. Einerseits weiß ich nichts, es gibt kein Urteil, an dem ich mich orientieren kann, andererseits habe ich jetzt bereits ein sehr schlechtes Bauchgefühl, womit ich dann ja wiederum doch ein emotionales Urteil für mich selbst gefällt habe - was mir so auch nicht gefällt.
21.12.2017 | 09:47 » Moderation benachrichtigen
Sich damit gedanklich auseinandersetzen halte ich auf jeden Fall sinnvoller, als jetzt mit aller Gewalt für sich selbst ein Urteil fällen zu wollen, egal in welche Richtung. Oder so einen Mist zu sagen, man würde ja nichts verherrlichen wollen, aber.
21.12.2017 | 09:49 » Moderation benachrichtigen
Und am unfassbarsten finde ich Leute, die irgendwas relativieren wollen. Das geht halt einfach überhaupt nicht. Wenn der Jaggers Mick damals 15-jährige gebumst hat und die wollten das, weils halt Mick Jagger war, I don't care. Wenn damit aber Altersunterschiede oder uneinvernehmliche, vielleicht sogar gewalttätige Taten relativiert werden sollen, sorry, da bin ich raus. Und dann raste ich aus.LUNACHICK, 21.12.2017 09:04 #


Es war damals nicht nur Mick Jagger, und es war auch nicht nur Bill Wyman. Immense (!) Altersunterschiede bei Beziehungen und Eheschließungen waren früher völlig normal; alleine, weil es sowieso völlig unüblich war, dass die Frau arbeitet, der Mann also die ganze Familie / die Frau mitversorgen musste. Effi Briest war nicht mit Mick Jagger verheiratet, und geändert hat sich das erst weit später. Das allerdings mit Sicherheit nicht während den 60ern - gerade Hippys waren sexuell sehr offenherzig. Selbst die Aufstiegspartei der FDP hatte einst einvernehmlichen Kindersex auf der Agenda, die Grünen sowieso. Und letztere gibt es erst seit den 80ern.

Der Punkt ist nicht, dass das vorkam und daher okay ist, der Punkt ist, dass das vollkommen üblich war und man jetzt auf einmal so tut, als wäre das noch nie toleriert worden. Das macht dieses Setup nicht zum Goldstandard für Gleichstellung beider Beteiligten einer Ehe, aber erklärt, warum das eben nicht "völlig undenkbar" war und einige Leute durchaus einen anderen Zugang dazu gelernt hatten. Kulturen kennen sexuell nunmal nicht wirklich einen Naturzustand. Warum ist Monogamie "völlig normal", warum ist Sex unter Großcousinnen weniger schlimm als mit Adoptivgeschwistern? Es gibt Handhaben, die sich halt als opportun erwiesen haben. Dass im einen Bundesstaat das Schutzalter 16, im anderen 14, im anderen 18 ist - das ist ja nun kein Biologismus. (Und möglichst umsichtige Moral ausgerechnet von Rockmusikern zu erwarten - wirklich? Moralisch locker drauf, haut auf die Kacke, fuckt shit up, yeah sex drugs & rock & roll, aber möglichst puritanisch in der Sexualmoral (wobei uns deren Unschuldsfetisch da auch eventuell hingeführt hat...) sein? Outlaw in the streets, Weltgeist in the sheets?)

Da jetzt einen Universalismus, der schon immer da war, zu unterstellen, und alle Nichtpraktizierenden für degenriert zu erklären, das ist Pathologisierung. Menschen existieren nun mal nicht außerhalb ihrer Umgebung und deren Kontext; da ist kein Gott und kein Weltgeist der immer unverändlich in ihre Seele Wahrheit hineinhaucht. Lovecraft war nach heutigen Maßstäben gnadenloser Rassist. Wagner und Luther waren selbst nach damaligen Antisemiten, die werden aber von einigen immer noch gefeiert. Wir haben nur Kultur, uns daran zu hindern, uns wie barbarische Tiere aufzuführen; daher bin ich nicht gewillt, die auf das Gleis mit Knüppeln, Mistgabeln und Fackeln umzuleiten.

Ich rede hier freilich nicht von non-Konsens. Verstehe immer noch nicht, warum das hier durch die Bank gleichgesetzt wird. Vergewaltigung selbst wird hier ja niemand relativieren wollen. Aber entgegen dem Amibegriff ist einvernehmlicher Sex mit Minderjährigen halt nicht das gleiche wie ein "ich will nicht" zu ignorieren. Ob es 2017 auf genug anderen Ebenen problematisch ist - gute Frage. Zum Beispiel, ob es das 2002 auch schon in dem Maße war, als die Lacey-Geschichte ja ablief. Nämlich nicht im Jahr von #MeToo, sondern ein Jahr nach dem 11. September.

Bezeichnend auch, dass Vorwürfe gegen Schwarzenegger aus dem Zeitraum heute mehr interessieren als damals, so von wegen "Thema Heuchelei". Es ist nichts neues, aber man muss so tun, sonst wäre man ja wissender Part in dem abgekarteten Spiel gewesen.

Zuletzt geändert von Alphex 21.12.2017 10:31

21.12.2017 | 09:58 » Moderation benachrichtigen
Ich fand den Beitrag von Britta Helm richtig gut und sie hat es auf den Punkt gebracht mit "Es geht nicht darum ob man Brand New noch hören darf (...) sondern ob man will (....) das muss am Ende jeder für sich entscheiden"

Wenn Visions das im Fall Lacey so entscheidet, dass er für sie gestorben ist, dann ist das eben so. Dafür müssen sie sich nicht rechtfertigen. Ich will mich auch nicht dafür rechtfertigen müssen, dass Science Fiction trotzdem mein Album des Jahres bleibt.

Vielleicht denke ich da irgendwann mal anders drüber und kann Brand New dann nicht mehr hören. Dass ich Musik mit Beteiligungen mit Jesse Hughes und Nathan Gray bei mir outgesourct habe, kam auch erst sehr langsam so mit der Zeit.
Die alten Pantera-Alben hingegen kann ich mir noch gut anhören. Was sagt das über mich aus? Gar nichts? Kann man sich der Sache rational nähern? Siehe Zitat Britta Helm.

Mich als Musikliebhaber ärgert an mir selbst dass mir Fragen stelle wie: Hätten es Glassjaw in die Top50 geschafft ohne die Vorgeschichte von Palumbo? Ist Algiers eher wirklich der Musik oder eher wegen der Message Album des Jahres? Aber dafür kann die Visions nichts. Sondern nur die ganzen Vollpfosten.

Ich bin froh dass mein Lieblingsmagazin eine Haltung hat. Weiter so.
21.12.2017 | 10:00 » Moderation benachrichtigen
Man muss gar nicht soweit zurückgehen, ich sag nur R. Kelly und Aaliyah.

Außerdem, nach aktuellem Kenntnisstand der Öffentlichkeit lief alles, was zwischen Lacey und Garvey passiert ist, einvernehmlich ab und das körperliche zumindest erst, nachdem sie volljährig war. Dass da psychischer Druck involviert war und dass das ziemlich unnötige Aktionen von Lacey waren, will ich nicht dementieren. Missbrauch kann in vielen Formen erscheinen. Die wahren Details kennen nur die Beteiligten. Das ist jetzt 15 Jahre her und er hat seitdem eingesehen, dass er ein krankhaftes Verhältnis zu Sex hat und eine Therapie begonnen, ohne medialen Druck.
Ich finde schon, dass man da relativieren sollte, da das meiner Meinung nach nichts im Vergleich mit Monstern wie Weinstein zu tun hat. Wie gesagt, nach meinem Kenntnisstand sieht es für mich so aus. Deshalb habe ich auch weiterhin kein Problem damit, Brand New zu hören und finde die Platte weiterhin so gut wie vor den Anschuldigungen.
21.12.2017 | 10:18 » Moderation benachrichtigen
Wenn Visions das im Fall Lacey so entscheidet, dass er für sie gestorben ist, dann ist das eben so. Dafür müssen sie sich nicht rechtfertigen.steverlast, 21.12.2017 09:58 #


So pauschal gesagt ist mir das zu billig. Dann müsste sich eine Zeitung mit beachtlicher Reichweite und beachtlichem Einfluss auch nicht rechtfertigen, wenn sie schwule Künstler im Jahresrückblick generell nicht berücksichtigen würde.

Dass die Art, wie man darüber redet und urteilt sehr reale Folgen hat - ich verweise auf die Sache mit der Pornodarstellerin, wo der entfesselte Mob sich völlig berechtigt dazu sah, da Todeswünsche auszusprechen.

Stellt die Visions nicht auf eine Stufe damit, aber "entscheidet nun mal jeder selbst" ist doch genau das - Machtsache. Wer es sich leisten kann, tut also, was er/sie will und kann die Konsequenzen ertragen. Wer nicht, nicht. Das Argument sollte entscheiden, nicht "wer ko, der ko". Eines davon ist Haltung, eines nicht.

Erinnert sich noch jemand an die Vorwürfe gegen Connor Oberst letztes Jahr, by the way?
21.12.2017 | 10:29 » Moderation benachrichtigen
Wenn Visions das im Fall Lacey so entscheidet, dass er für sie gestorben ist, dann ist das eben so. Dafür müssen sie sich nicht rechtfertigen.steverlast, 21.12.2017 09:58 #


So pauschal gesagt ist mir das zu billig. Dann müsste sich eine Zeitung mit beachtlicher Reichweite und beachtlichem Einfluss auch nicht rechtfertigen, wenn sie schwule Künstler im Jahresrückblick generell nicht berücksichtigen würde.Alphex, 21.12.2017 10:18 #



Ich habe Verständnis wenn jemand kotzen möchte wenn er/sie Laceys Story kennt Zeilen liest wie "I almost feel sorry for what I'm going to do". Warum muss man sich dafür rechtfertigen?

Um die Gleichsetzung mit Homophobie nachzuvollziehen fehlt mir offenbar die Kompetenz.
21.12.2017 | 10:35 » Moderation benachrichtigen
Ich habe Verständnis wenn jemand kotzen möchte wenn er/sie Laceys Story kennt Zeilen liest wie "I almost feel sorry for what I'm going to do". Warum muss man sich dafür rechtfertigen?

Um die Gleichsetzung mit Homophobie nachzuvollziehen fehlt mir offenbar die Kompetenz.steverlast, 21.12.2017 10:29 #


Weil eine Zeitschrift nicht "man" ist. Als Person kann man das natürlich nicht mehr gut finden bzw. einfach keinen Kunstgenuss daraus mehr ziehen können. Aber das Argument gilt für alles, dann kann jeder Redakteur und jede Redakteurin alles mit persönlichen Befindlichkeiten begründen. "Ich konnte dieser Dame mit dem Kopftuch einfach kein Essen zubereiten, in das ich die gleiche Sorgfalt stecke wie in das für normale Menschen, die mich nicht anwidern" wäre dann auch eine Option. Das ist bei Lacey dann die Kehrseite vom Walmart, der Schwulen (?) keine Hochzeitstorte (?) zubereiten wollte.

Es muss Mindestmöglichkeiten des Zugangs zu Medien mit öffentlicher Reichweite geben. Die Visions sind ja immerhin privat, nicht staatlich, aber auch hier ist es extrem einflussreich, wenn die Band dann gar nicht stattfindet.
21.12.2017 | 11:06 » Moderation benachrichtigen
Und am unfassbarsten finde ich Leute, die irgendwas relativieren wollen. Das geht halt einfach überhaupt nicht. Wenn der Jaggers Mick damals 15-jährige gebumst hat und die wollten das, weils halt Mick Jagger war, I don't care. Wenn damit aber Altersunterschiede oder uneinvernehmliche, vielleicht sogar gewalttätige Taten relativiert werden sollen, sorry, da bin ich raus. Und dann raste ich aus.LUNACHICK, 21.12.2017 09:04 #


Ich wollte damit sicherlich nichts relativieren. Nicht einvernehmlich oder gewalttätig, das ist ein ganz anderer Schnack. Das wäre Roman Polanski, aber mit dem seinen Filmen hat die Visions ja kein Problem. Der letzte wurde zumindest besprochen.
21.12.2017 | 11:10 » Moderation benachrichtigen
Aye, das habe ich damit auch nicht gemeint, war keine Unterstellung, hab nur dein Beispiel benutzt :smile:
21.12.2017 | 11:16 » Moderation benachrichtigen
Arschiges Thema, wichtiges Thema. Alphex hat auf den letzten zwei Seiten sehr viele sehr gute Gedanken gehabt.
Der Fall Lacey ist mir im Detail tatsächlich nicht wirklich bekannt, komme momentan nicht wirklich dazu, das Internet für Tiefergehendes zu nutzen.
Die Entscheidung, Künstler ob ihrer (bekannt gewordenen) Untaten noch zu hören, kann immer nur subjektiv gefällt werden, eben in Abhängigkeit vom eigenen moralischen Kompass. Lostprophets gehen bei mir beispielsweise nicht mehr. As I Lay Dying schon. Ist eben so, wie Ofsi im anderen Thread schon erklärte.
Unabhängig von Britta Helms Statement würde ich mir von der Visions eher kritische Auseinandersetzung mit der Thematik wünschen.

Eine Beobachtung konnte ich im Zuge der ganzen Debatte um sexuelle Gewalt / Machtmissbrauch / Sexismus aber auch bei mir machen: Obwohl ich mich da eigentlich schon immer für sehr sattelfest hielt, was den moralischen Standard angeht, musste ich doch selbst auch so einige Sichtweisen hinterfragen. Und auch so manche flapsigen Sprüche unter Kumpels, gerade aus der Zeit zwischen Anfang und Ende 20, könnte ich heute nicht mehr belachen, damals schon.
Wenn dieser Effekt auch bei anderen eintritt, ist diese Debatte in keinem Fall überflüssig, sondern eher das Gegenteil davon.

Die „Science Fiction“ hab ich übrigens noch gar nicht gehört. Weiß auch noch nicht genau, ob sich das ändert.
21.12.2017 | 11:20 » Moderation benachrichtigen
Die Visions sind ja immerhin privat, nicht staatlich, aber auch hier ist es extrem einflussreich, wenn die Band dann gar nicht stattfindet.Alphex, 21.12.2017 10:35 #


Auch die anderen Medien in Deutschland sind übrigens üblicherweise nicht staatlich, auch wenn es derzeit immer wieder gerne geschrieben und gesagt wird. Das nur kurz am Rande, bevor hier ein falscher Eindruck entsteht und bei einigen hängenbleibt.
21.12.2017 | 11:33 » Moderation benachrichtigen
Aber der Bayernkurier schon :klugscheiss:
21.12.2017 | 11:45 » Moderation benachrichtigen
Ich habe Verständnis wenn jemand kotzen möchte wenn er/sie Laceys Story kennt Zeilen liest wie "I almost feel sorry for what I'm going to do". Warum muss man sich dafür rechtfertigen?steverlast, 21.12.2017 10:29 #


Das sehe ich ganz anders.

Genau in dem jetzt bekannten Kontext ergibt die Zeile einen Sinn. Dieser Sinn mag einem nicht gefallen, weil man einem Künstler den man mag keine Schwächen eingestehen will...

...jeder Mensch hat seine inneren Dämonen mit denen er zu kämpfen hat.

Meiner Meinung ist es paradox einen Künstler/Musiker für seine "deepen" Texte zu feiern, ihn dann aber, wenn herauskommt dass diese Texte auf einer inneren Zerissenheit fundieren, fallen zu lassen, weil jene einem nicht gefällt.

Der Künstler wird nur so lange für gut befunden, wie die eigene Interpretation seiner Person nicht gefährdet ist. Dies ist meiner Meinung nach schlichtweg falsch.

(Ich betone noch einmal dass es eine Sache der Relativität ist; ich würde mir keinen Lost Prophets Song über die Begierden ihres Sängers anhören wollen)
21.12.2017 | 14:29 » Moderation benachrichtigen
Der Künstler wird nur so lange für gut befunden, wie die eigene Interpretation seiner Person nicht gefährdet ist. Dies ist meiner Meinung nach schlichtweg falsch.theguilt, 21.12.2017 11:45 #



Gibts hier wirklich ein falsch? Ich meinte nur dass sich niemand dafür entschuldigen muss Brand New dann halt nicht mehr zu folgen. Wie kann das falsch sein?? Das darf doch jeder für sich selbst bestimmen.

Und über die Bewertung ob der Künstler nun gut oder schlecht ist, wurde doch kein Wort verloren. Nicht mal bei Watkins.
21.12.2017 | 20:17 » Moderation benachrichtigen
Die Visions sind ja immerhin privat, nicht staatlich, aber auch hier ist es extrem einflussreich, wenn die Band dann gar nicht stattfindet.Alphex, 21.12.2017 10:35 #


Auch die anderen Medien in Deutschland sind übrigens üblicherweise nicht staatlich, auch wenn es derzeit immer wieder gerne geschrieben und gesagt wird. Das nur kurz am Rande, bevor hier ein falscher Eindruck entsteht und bei einigen hängenbleibt.OneFingerSalute, 21.12.2017 11:20 #


Ich wollte nicht in zwei Sätzen zwei mal "öffentlich" mit unterschiedlicher Wortbedeutung verwenden; aber ja, stimmt natürlich.


Ich würde ja im übrigen gerne sagen, dass all die Kritik an dem Umgang mit dem Thema sich nach ausführlicher und mehrfacher Lektüre von dem Artikel von Britta Helm gelegt hat, weil er inhaltlich so gut war.

Leider ist der Artikel selbst bis zum Bersten voll mit ausschließlich den neoliberalen Diskursversatzstücken, die dazu schon mehrfach im US-Diskurs wild aneinandergereiht wurden; und in seinem klaren Bekenntnis wider der Gewaltenteilung geht er sogar noch mal ein ganzes Stück weiter als die bisherigen Statements in diesem Thread.

Der Reihe nach:

1. Das vermeintlich Positive
Es fallen einige Bandnamen, die in der Tat noch deutlich mehr Dreck am Stecken haben; unter anderem Slaves. Jedoch: Vor dem Hintergrund dieses Wissens Brand New und Lacey als großen Aufreger zu nehmen, prominent mit "ab in die Tonne"-Artwork, vom Layout betonten Handlungstipps wie "Brand New in Bars nicht mehr spielen" und sogar einem unterstellten "das ist schlimmer als das, was R Kelly getan" hat - man weiß es offenbar besser, entscheidet sich aber für nicht nachvollziehbare Hierarchien.

2. Das Irreführende
Es wird anfangs Bezug genommen auf den Vorwurf gegenüber Lacey von der Dame, die die Skype-Vorwürfe hatte. In weiterer Folge ist aber nicht mehr von sexuellen Akten mit Minderjährigen die Rede, sondern es wird im Kontext von Vergewaltigung und ähnlichem nahtlos genannt und eingereiht. Auch, dass das damals konsensual ablief, es in einer Beziehung mündete, die weiter lief, bis sie längst volljährig war; dass die Videofunktion von Skype (der anfangs prominent herausgestellte Vorwurf) erst kam, als sie volljährig war - das wird nicht erwähnt. Wohl aber wiederholt, dass Lacey ihr gar grausiges angetan hat. Der Eindruck bleibt, auch durch die Einreihung mit Weinstein und Konsorten und die Textzitate, die bemüht werden: Er hat sie vergewaltigt.

3. Das Opfer
Der Artikel betont, es seien nun andere Sachen wichtig, als sich mit theoretischen Fragen zu befassen - etwa, Opfern zu glauben. "Opfer" ist aber kein neutraler Begriff, sondern es teilt die Geschichte in Täter und Opfer auf, was vermeintlich klar ist. De facto gab es keinen Gerichtsspruch (den Britta Helm offenbar auch gar nicht will - dazu später mehr), es gab eine Aussage im Internet. Daraus abzuleiten, es sei klar - na dann, hätte man "dem Opfer" im Falle von Connor Oberst auch unbedingt glauben müssen? Oder ist da er das Opfer, weil sich letztlich herausstellte, dass die Vorwürfe gegenüber ihm - die, wären sie dieses Jahr gekommen, wohl seine Karriere nachhaltig beschädigt hätten - haltlos waren? Woher weiß man das vorher?

4. Das Rechtsverständnis
Der Artikel nennt es Rape Culture, wenn Alice Glass von dem Typen, dem sie langjährige Vergewaltigung vorwirft, verklagt wird, weil er der Meinung ist, das seien dreiste Lügen.

Offensichtlicher kann man den Rechtsstaat und die Gewaltenteilung nicht abschaffen wollen.

Denn das ist nicht rape culture - das ist das Justizwesen: NATÜRLICH darf man nicht einfach Dinge über Personen behaupten, die deren Karriere zerstören können! Ich gehe in dem Fall der Band auch davon aus, dass die Vorwürfe berechtigt sind, und hoffe, dass er Konsequenzen spüren muss. Aber wenn dem nicht so sein sollte, also das WIRKLICH frei erfunden sein sollte, hoffe ich auch, dass vor Gericht ebenso das entschieden wird. Das kritisiert der Artikel implizit, dass da die Geschichten genau seziert werden und man in Erklärungsnot gerät. Ja natürlich! Was denn sonst? Das Bauchgefühl entscheidet? Ich sehe an keiner Stelle, wo das, was stattdessen stattfindet, weniger brutal ist. Letztlich ist das einfach super neoliberal, denn...

5. Die Macht
Der Artikel benutzt auch das schöne Wort "Macht", unterscheidet aber bei ihrer Erfassung nur zwischen Männern und Frauen; nicht zwischen mächtigen Männern, schwachen Männern, mächtigen Frauen, schwachen Frauen. In der Zeit war hierzu analog vor ein paar Tagen ein Artikel - nicht nur im Angestelltenbereich, auch bei Führungskräften verdienen Frauen weniger als Männer!

Nun, wem nutzt der Narrativ, dass die Abteilungsleiterin zwar 10 mal so viel verdient wie die Putzfrau, aber immer noch 200€ weniger als der Abteilungsleiter? Wohl eher nicht dem Putzpersonal, denn wenn der Putzmann mehr verdienen sollte als die Putzfrau, ist die Schweinerei nicht, dass beide kaum vom Geld leben können, sondern der, dass er mehr verdient. Zusammenraufen und kollektiv mehr Geld fordern werden die nicht, sondern sich intern kabbeln, während die Chefetage anstößt.

Dieser Blödsinn ist halt wirklich 1 zu 1 aus dem US-Diskurs, wo Privilegien gerne mal, bei allem Gequäke, man denke doch intersektional, auf single issues runtergebrochen werden: Weiß - automatisch privilegiert. Schwarz - automatisch marginalisiert. Überhaupt, dass von Privilegien die Rede ist und nie von Einkommen! Darüber wird fast gar nicht mehr geredet; sehr zur Freude der Besserverdienenden, die nun aus dem Schußfeld sind. Und da Opfer keine Täter sind, fühlen sich gerade an Elitecolleges die Sprößlinge von stinkreichen Eltern irgendwie marginalisiert. Was überleitet zu...

6. Der Puritanismus
Die Verehrung von Unschuld ist natürlich christliche Spezialdisziplin, und da die Amis Protestanten sind, sind sie darin besonders geübt. Der Artikel haut mit dem Satz "Daisy hören macht gesamtgesellschaftlich vielleicht nichts, aber es macht etwas mit einem" auch maximal diffuse Ängste raus, der Teufel könne einem gar verführerisch ins Ohr säuseln, einen kompromittieren. Ob das erst diesem Jahr der Fall ist, oder dieser verdorbenen Musik, gemacht von verdorbenen Menschen, schon immer inhärent war, wird nicht benannt.

7. Der Sündenfall
Überhaupt: Wie tief und auf ewig korrumpiert ist Lacey, dass Vorfälle von vor 15 Jahren Rückschlüsse auf sein heutiges Werk erlauben? Laut Eigenaussage hat er seit damals Sexualtherapie gemacht. Ist Rehabilitation aber per se unmöglich, der Schaden ganzheitlich? Die zitierten Textstellen unterstellen Vergewaltigungsassoziationen, könnten aber auch ganz anders gemeint sein. Tenor aber: Dem muss man da alles zutrauen. Man weist aber nicht nach, dass Person A (schlimme Sache) gemacht hat, und deshalb auch unbedingt B (auch schlimme Sache) getan hat. So geht das nicht.

8. Die Rechtfertigungspflicht
Warum werden überhaupt Textstellen von Lacey als Beleg zitiert, aber dass im Blog der Frau, von der die Vorwürfe kommen unter anderem steht, dass sie unter Wahnvorstellungen leidet und wegen eines Celebrity Crushes mal durch die USA getingelt ist, fällt unter bösartiges Unglaubwürdigmachen von Opfern? Achja, weil sie ja schon bevor die Analyse (welche, so sie zu sehr ins Detail geht unerhört agiert) fertig ist als Opfer gilt.

9. Das Heuchlerische
Polanski wird benannt, findet in den Filmkritiken statt. QOTSA finden in den Alben des Jahres statt und sind Aboprämie. Swans finden statt. Brand New sind ein Fall, der nicht glasklar liegt, sind eine Band, die Diskussion produziert. Inhaltlich begründet, gerade da ein Exempel zu statuieren, ist es nicht.

10. Das Ende vom Lied
Es wird Applaus geklatscht, während Gewaltenteilung und Justiz Selbstjustiz Platz zu machen haben. Ich halte von diesem zivilisatorischen Rückschritt bei rechten Idioten nichts, und ich halte davon im Namen des Feminismus nichts.

(Ja, wohl auch, weil ich eher betroffen bin als Frau Helm, dass schon eine Mail mit - wie realitätsnah sie auch sein mögen - Vorwürfen angesichts meines Geschlechts reichen könnte, um massive Probleme am Arbeitsplatz kriegen zu können. Ich hätte das Wissen um meinen Ruf gerne in den Händen von Insitutionen, nicht der psychischen Stabilität von den Menschen, mit denen ich zu tun habe. Genau wie Frauen auch nicht ihre leibliche Unversehrtheit dem guten Willen der Männerwelt verdanken sollten, sondern analog einer systemischen Umsicht.)

Zuletzt geändert von Alphex 21.12.2017 20:24

21.12.2017 | 21:30 » Moderation benachrichtigen
Viel Kluges hier von Alphex. Kann den Artikel am anderen Ende der Welt nicht lesen, aber wenn der Tenor wirklich so ist, wie oben beschrieben, dann muss ich leider ein bisschen erbrechen angesichts dieses Messens mit zweierlei Maß. Bei so einem komplexen und eher schwer zu bewertenden Fall wird ein Exempel statuiert, aber andere vermeintliche Täter oder gar offensichtliche Idioten und Fehltreter werden jahrelang thematisiert, wenn nicht gar hofiert, Beispiele wurden ja genug genannt. Das ist echt mehr als fragwürdig.
21.12.2017 | 22:07 » Moderation benachrichtigen
Das ist echt mehr als fragwürdig.SHITHEAD, 21.12.2017 21:30

Es ist schlicht reine Willkür.

Alphex hat das schon sehr gut aufgeschlüsselt, nur werden die Leute, die sowieso Helms Meinung sind, das nicht so sehen (wollen). Die Ambivalenz des menschlichen Miteinanders in dem von Ofsi im anderen Thread genannten heute möglichen Informationsfeld überfordert die Leute. Es gibt Menschen, die sich in FB Kommentarbereichen über den Steuerflüchtling Amazon echauffieren. Mit ihrem Profil in einem Social Network, dessen Besitzer selbiges im großen Stile selbst betrieb. Es tritt in dieser Diskussion früher oder später eben doch die zunächst subtil unterstellte These in den Vordergrund: "Also ich könnte das jetzt nicht mehr hören. Wenn du das kannst, dann bitte. Finde ich moralisch aber falsch." Das schimmert bei Britta Helm durch und belässt es eben nicht bei einer Kritik an Laceys Verhalten, sondern suggeriert Fehlverhalten beim Hörer. Nach dem Motto: "Wenn du dich von der totbringenden Droge lossagen willst - so geht's."
21.12.2017 | 22:12 » Moderation benachrichtigen
Spätestens bei "Kunst von Frauen supporten" war eh klar, wo die Position abgeschrieben wurde; halt bei Broadly und Konsorten.

Überlege ja, ob ich eine Mail schreiben soll; in zitierbarer Länge kann man das Thema aber halt nur schwer sinnvoll aufarbeiten, und am Ende von Lied wird Frau Helm mich eh für ein Arschloch und einen Sexisten halten, und nicht für jemand, der schon Seminare zum Thema Gender gegeben hat und einen sinnvollen Feminismus (der als Gegenentwurf zum Gemackere auf einen wütenden Mob verzichtet) für bitter nötig hält. Dann hätten Ärpel und sie aber immerhin endlich mal was gemeinsam, das wäre doch ein Weihnachtswunder.

Willkür sehe ich aber nicht, sondern Reaktionsmaximierung und vor allem DIE Chance, sich eindeutig als integer zu positionieren, nämlich selbst dann, wenn der Fall nicht klar ist, eine besonders klare Position zu vertreten.


Allerdings gilt es zu bedenken: Alle Userinnen, die sich zum Thema geäußert haben - Nine, pixie, StillNo1 - sahen die Sachen deutlich weniger "nun mal ruhig Blut"-haft als die User. Kommt man bei dem Thema schwer rum, aber ist dennoch zu bedenken wie ich finde.

Und es gab auch einen Leserbrief zu dem Thema, wo ich mir im prall gefüllten Zug an die Stirn geklatscht habe.

Zuletzt geändert von Alphex 21.12.2017 22:29

21.12.2017 | 22:46 » Moderation benachrichtigen
Ist ja auch völlig okay emotional berührt zu sein. Deswegen fand ich auch Nine's Aussage des Nichtdiskutierens völlig legitim.

Aus meinem persönlichen Umfeld, insbesondere auf Arbeit, muss ich anderes berichten. Ich habe täglich rund 20 Patienten und natürlich auch viele Frauen darunter. Ich rede sehr gern über Politik und aktuelle Themen, weil es ein Gratmesser für den Durchschnitt ist. Da liegt der Naziopa, der Flüchtling, die Schülerin, die Putzfrau, der Bankmanager, die Lehrerin usw auf der Liege. Der Witz ist: Ich muss alle gleich behandeln, unabhängig von ihren Aussagen. Sowas erdet und holt einen aus der Komfortzone der isolierten Wahrnehmung respektive Filterblase. Die meisten Frauen mit denen ich über aktuelle Vorwürfe dieser Richtung geredet habe, waren sehr differenziert. Einige gingen in eher gegenteilige Richtungen als Pixie und Luna. Eine war regelrecht sauer auf Falschanschuldigungen, weil sie selbst vergewaltigt wurde und somit eine irrsinnige Relativierung ihres Leids darin sah. Ich bin da über manche Antworten immer noch baff.

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