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Best Of '96: Tool - Aenima

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29.11.2015 | 21:42 » Moderation benachrichtigen
Prolog:

Aenima und ich sind keine Bekannten von Geburt an. 1996 war ich mit zarten 14 Jahren noch hauptsächlich an Musik interessiert, die Mädchen interessiert, die es zu beeindrucken galt (sprich Charts). Obwohl ich durchaus ein offenes Ohr für das damalige Alternative-MTV rund um Nirvana und Co. mitbrachte. Der Erstkontakt geschah knappe 2 Jahre später, als mich der unstillbare Hunger auf Musik aller Art übermannte. Vorrangig durch das Eintauchen in den damals noch frischen New Metal, bei dem sich jede 2. Band im Booklet auf Tool berief (ein Umstand der Keenan recht schnell übel aufstossen sollte). Was jetzt angesichts der Entwicklungskurve des NM erschreckend klingt...darum direkte Entwarnung - mehr als ein paar geklaute Bassläufe und Pseudoatmosphäre bekamen 95% der Bands nicht hin. Tool liessen sich nicht assimilieren, sie waren ihr eigenes Genre. Progressiv, verstörend, artistisch. Wärmend, ätzend, glasklar, psychopathisch. Das wurde mir bereits beim ersten Hören der Platte bewusst, ohne auch nur ansatzweise ein Ahnung der Metaebenen zu haben. Nicht zuletzt deswegen, ist Aenima für mich eines der wichtigsten Alben der 90er und heute noch aktuell.
29.11.2015 | 21:43 » Moderation benachrichtigen
Aenima, das Album:

Faktisch ist das Wortspiel aus Anima (lat. für Seele) und Enema (engl. für Einlauf) perfekt gewählt. Denn beim erneuten Beschäftigen mit dem Album ist mir erstmal so wirklich aufgefallen, wieviel Wut hier transportiert wird. Es ist egal ob Keenan haucht, säuselt oder laut wird; die Texte und der Wortlaut sprechen Bände. Die Hasstiraden gegen Katholizismus ("Eulogy"), vorgeworfenem Ausverkauf ("Hooker With A Penis") oder gelebter Oberflächlichkeit ("Aenema") sind eindeutig. Schwieriger wird es schon bei Keenan's introspektiven Ansätzen, die sich mit erdrückender, einseitiger Liebe oder Schizophrenie beschäftigen. Aber trotz der vertrakteren Ausdrucksform sind die Intentionen regelrecht gruselig spürbar. Das Album wirkt ausser Fluss, wird immer wieder von scheinbar unnützen Interludes unterbrochen (derer ganze 6). Davon sind einige tatsächlich zweckmässig. Wie "(-) Ions", welches nach dem Titeltrack, in dem Keenan gefühlt eine Atombombe auf das verhasste Los Angeles fallen lässt, die knisternde, elektronengeladene Luft danach imitiert. Oder "Intermission", welches das Startriff von "Jimmy" auf einer Orgel jahrmarktsmässig interpretiert und für mich mittlerweile zum Song dazu gehört. Andere sind Beispiel für den kruden Humor der Band. "Useful Idiot" ist ein kurzes Nachkratzen von Vinyl, welches unangenehm lauter wird. Damit sollten die Leute nach dem Ende der A-Seite verwirrt werden. Das Berühmteste ist natürlich "Die Eier Von Satan". Auf einem Industrialbeat mit verquerem Rhythmus und der Atmosphäre einer Maschinenhalle spricht Marko Fox (damals Bassist der Band ZAUM) das Rezept für Haschischkekse ohne die Zugabe von Eiern (was von einer Menschenmenge bejubelt wird). Auf deutsch. Mit leichtem rheinhessischem Dialekt. What. The. Fuck.
Musikalisch stellt Aenima die Weiterentwicklung des noch relativ "normalen" Progressiv-Rock-Sounds von "Undertow" hin zu mehr Härte und der damit automatisch assoziierten Metalaffinität dar. Das ist aber nur auf vereinzelte Songs anzuwenden. Man kann sagen, dass Aenima die Band Tool zum ersten Mal mit wirklich eigenen Trademarks definierte. Alles danach berief sich immer auf diese Standards.
29.11.2015 | 21:44 » Moderation benachrichtigen
Aenima, die Songs:

Insgesamt sind es 9 effektive Lieder die das Album bietet. Im Gegensatz zum Albumfluss wirken diese soundtechnisch sehr homogen; mal aufrührerischer, mal dezenter - aber immer mit einer songwriterischen Stringenz dahinter. Nicht ein Song ist für mich auch nur mittelmässig, alle sind meist in sich geschlossene Monolithen. Ich will nicht jeden Track einzeln bewerten, herausragend sind für mich:

"Stinkfist"
Aufgrund der obszönen Lautmalerei bekam die Single damals heftig Gegenwind; hält sich aber bis heute in jeder Indiedisse, da klanglich für Tool-Verhältnisse sehr zugänglich. Zudem ein hervorragender Opener.


"Eulogy"
Lässt sich viel Zeit für den Aufbau und bleibt instrumental verhältnismässig straight, dafür glänzt Keenan mit der kompletten Bandbreite seiner Stimme.

"Jimmy"
Eine schwebende Halbballade mit seltsamen Takten, seltsamen Gesangsakzentuierungen/-effekten und dieser einmaligen Atmosphäre, die Unbehagen bereitet. Geht durch Mark und Bein. Fantastisch!

"Aenema"
Klar, die Kriegserklärung an LA darf nicht fehlen. Der Song ist in einem permanenten Aufbau begriffen, klingt stets wie ein Tiger, der jeden Moment angreift. Und tut es am Ende auch mit Dissonanz und dumpfen Schlägen. "Fuck retro anything. Fuck your tattoos. Fuck all you junkies and fuck your short memory. Learn to swim." Bähmmmm!!!

"Pushit"
Bester Tool-Song für mich bis heute. In knapp 10 Minuten den Sound der Band nahezu komplett darbietend. Der hakelige Refrain (bei dem Keenan, darauf achtet "Push it on me" so verwaschen wiederzugeben, dass es auch "Push shit on me" heissen könnte), der wuchtige Mittelteil, der atmosphärische Neuaufbau, das aufrührerische und mit den vernichtenden Worten "Just remember I'll always love you, even as I tear your fucking throat away. But it will end no other way." gespickte Ende - ich bekomme jedes Mal brachialste Gänsehaut.
29.11.2015 | 21:45 » Moderation benachrichtigen
Epilog oder Aenima heute:

Wenn mich jemand nach meinem liebsten Tool-Album fragte, hab ich meist "Lateralus" geantwortet. Dort perfektionierten sie den Stil. Formulierten ihn aus. Mittlerweile bin ich mir bei der Frage nicht mehr so sicher. "Aenima" hat mich die ganze letzte Woche begleitet und wieder völlig in seinen Bann gezogen. Heute verstehe ich die Intention der Platte noch mehr. Tool's progressives Herz, das komplizierte Taktzahlen völlig selbstverständlich zu griffigen Songs formt, schlägt auf dieser Platte zum ersten Mal so richtig laut. Es ist Justin Chancellor's erster Auftritt am Bass. Es ist die erste Verschmelzung von Keenan's Vocals mit den restlichen Instrumenten, so wie es die Band schon immer wollte. Es ist eine 77-minütige, verdammte Ansage. Es ist mein Album des Jahres 1996.
29.11.2015 | 21:53 » Moderation benachrichtigen
Hach, beschreibt in etwa mein Gefühl für das Album. Undertow davor war für mich wenig mehr als der Hit "Sober"
Aenima war :bow: Bis heute mein liebstes von Ihnen. Lateralus ist perfekter, 10.000 Days mystischer, Aenima ist Wut, Hass, Katharsis.
29.11.2015 | 21:54 » Moderation benachrichtigen
:respekt: an die Puderdose, schöne "Zusammenfassung".
29.11.2015 | 22:00 » Moderation benachrichtigen
:bigsmile: Naja, das ist ein Album, zu dem es für mich viel zu schreiben gab.
29.11.2015 | 22:02 » Moderation benachrichtigen
Das war schon positiv gemeint, keine Angst :bigsmile:
29.11.2015 | 22:09 » Moderation benachrichtigen
Hab jetzt ziemlich Bock drauf, mir das Album mal zu holen. Mehr als "Stinkfist" (VIVA Zwei, mal wieder) kenn ich nämlich nicht.
29.11.2015 | 22:11 » Moderation benachrichtigen
Sehr schön, powderfinger! Tool, bis heute eines der geilsten Konzerte ever!
29.11.2015 | 22:14 » Moderation benachrichtigen
Hab jetzt ziemlich Bock drauf, mir das Album mal zu holen. Mehr als "Stinkfist" (VIVA Zwei, mal wieder) kenn ich nämlich nicht.Drunken Third, 29.11.2015 22:09 #

Ich fress nen Besen, wenn die dir nicht gefällt
https://vimeo.com/19971677
Fuck L. Ron Hubbard and
Fuck all his clones.
Fuck all these gun-toting
Hip gangster wannabes.
29.11.2015 | 22:43 » Moderation benachrichtigen
Das Album werde ich mir die Tag mal intensiver anhören. Lateralus, 10000Days und zum Teil auch Undertow liefen bei mir eine zeitlang in Dauerschleife, Aenima ging in der Zeit irgendwie unter. Mittlerweile ist Tool bei mir nicht mehr so das Thema, da kommt dein Text vielleicht gerade recht und kann die Fanboy Zeiten wieder aufleben lassen.:smile:
29.11.2015 | 23:05 » Moderation benachrichtigen
Aenima ist schon sowas wie das ultimative Tool-Album. Stil endgültig gefunden, Experimente, die auch für mich tatsächlich Sinn ergeben und den Albumfluss irgendwie künstlerisch unterstreichen.

Zu diesem Album war ich auch auf meinem bis heute einzigen Tool-Konzert. Live Music Hall in Köln, etwa 1200 Besucher, voll bis in die letzte Ecke. (Heute lassen sie bei ausverkauft nicht mehr ganz so viele Leute rein.) Es war mehr Performance als Konzert. Das Licht kam komplett von unterhalb der Bühne. Keenan und die Saiteninstrumentalisten waren mit Leuchtfarbensymbolen bemalt, die unter Schwarzlicht hervor traten. Es war sensationell. Unglaublich anstrengend von der Intensität her, aber einfach großartig. Ich habe keine Ahnung, warum ich danach nie wieder gegangen bin. Es mag daran gelegen haben, dass ich mit der Lateralus große Probleme hatte, die auch heute noch nicht völlig verschwunden sind.

Untertow hingegen, mein Einstiegsalbum bei Tool (im Veröffentlichungsjahr, sowas ist immer wichtig), würde ich auch heute noch an die zweite Stelle der Tool-Alben setzen. Die einfacheren Strukuren vermisse ich manchmal immer noch, das vergleichsweise songortientierte Songwriting haben sie danach ja etwas ad acta gelegt. Four Degrees ist wohl mein Lieblingssong von Tool.

Oder Eulogy. Eulogy alleine rechtfertigt schon den Kauf von Aenima. Die Steigerung in diesem Song bis zum Höhepunkt, das ist ganz, ganz großes Kino.
30.11.2015 | 02:01 » Moderation benachrichtigen
Mal ein Album, was ich tatsächlich kenne. Das ist eine/s dieser Bands/Alben, von der/dem alle Kollegen damals gesagt haben, daß mir das doch eigentlich gefallen müsste. Irgendwie Alternative, irgendwie duster, irgendwie Metal. Mich hat die Band damals komplett kalt gelassen und heute noch viel mehr. Das Album war mein letzter Versuch, weil ein Kumpel tierisch drauf abgefahren ist. Der fand aber auch den Vorgänger schon gut.
Mich stört daran so einiges, vor allem aber der Gesang. Das ist schon diese für die Zeit typische oberpathetische Alternative Stimme, tatsächlich nicht weit von Eddie Vedder entfernt. Dann wird irgendwie immer auf duster gemacht, in Wahrheit sind das aber stinkordinäre Alternative Riffs mit ein wenig angeindustrialtem Bass. Die Komplexität und Intensität der damaligen Neurosis Alben wird auch nicht ansatzweise erreicht. Alles insgesamt ne Ecke zu seicht, um irgendwas in mir auszulösen. Jetzt beim ersten intensiveren Hören nach locker 10 oder mehr Jahren wirkt das sogar noch viel seichter als damals. Eine dieser typischen Platten mit dem "ach früher war auch nicht alles gut"-Feeling.
30.11.2015 | 06:05 » Moderation benachrichtigen
Ja nee, Keenan mit Vedder vergleichen, Tool seicht und Neurosis komplex. :rolleyes:
Ich mag ja Neurosis, aber komplex fällt mir bei denen nicht ein.
30.11.2015 | 07:04 » Moderation benachrichtigen
Da musste ich jetzt auch lachen. Ich mag Neurosis, aber ihnen, weil sie ihre Songs lang ziehen, Komplexität unterstellen zu wollen, ne...? Wenn man Keenan Pathos ans Hemd klammern will (was schon angesichts der Texte nicht geht), muss man das auch einem Patton. Und wenn das pathetisch ist, was ist dann der komplette Heavy Metal? Selektivität strikes again.
30.11.2015 | 09:19 » Moderation benachrichtigen
Ich schwanke immer zwischen Aenima und Lateralus, lande aber meist bei Lateralus wenn's um's Lieblingsalbum geht. Habe aber vor allem Aenima schon sehr lange nicht mehr gehört...also jetzt die erwartete Gelegenheit, das mal wieder zu ändern :cheers:.
Und ein Extra-:cheers: für die liebevolle Arbeit :thumbsup:.
30.11.2015 | 09:31 » Moderation benachrichtigen
Man kann also nicht pathetisch singen, wenn die Texte kein Pathos hergeben? Interessant. Mal davon ab, daß mich Texte einen Scheiß interessieren (von Neurosis zB kenne ich auch keinen), aber die Bedeutung der Worte sagt doch nix darüber aus, wie sie betont werden. Was ist denn das für ein Unfug? Eigentlich isses umso schlimmer, wenn die Texte kein Pathos hergeben, denen dann welches anzutackern.

Zuletzt geändert von AERPELSCHLOT 30.11.2015 09:39

30.11.2015 | 09:52 » Moderation benachrichtigen
eine sehr schöne aufwändige beschreibung, bursche. Mit tool hab ich mich sehr selektiv beschäftigt bisher sober kennt man, klar. auch die eier von satan. dann geht tool für mich aber erst ab der lateralus los. 10000 days mochte ich auch. beide platten sind aber keine, die jetzt noch häufig rotieren würden. ich geb mir dann mal die aenima in gänze, bevor ich noch was weiter schreibe.
30.11.2015 | 10:02 » Moderation benachrichtigen
Sehr schöne Beschreibung :bow:
Meinen Erstkontakt mit Tool / der Aenima hatte ich auf einer Klassenfahrt, im Bus mit dem Walkman (als man sich Alben für unterwegs noch auf Kassetten überspielte). Anfangs war ich hin- und hergerissen. Den Gesang fand ich sehr cool, die Musik an sich war mir aber damals noch 'zu hart'. Ich konnte aber auch irgendwie nicht davon lassen. Irgendwann hat's dann klick gemacht.
Stand jetzt: Großartiges Album und für mich auch DAS Toolalbum. Auf den Nachfolgern haben sie zwar, was den Sound angeht, noch 'ne ganze Schippe drauf gepackt, aber das hier hat für mich einfach mehr Energie, weil's noch roher klingt (wobei das natürlich auch übertrieben ist, mir fällt aber gerade kein besseres Wort ein). Die Nachfolger sind mir teilweise etwas zu überproduziert, zu klinisch, zu sauber ...

Und wenn ich jetzt meine Kayo Dot Platte zu Ende gehört habe weiß ich schon was als nächstes auf den Teller kommt.

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