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Gesellschaftliche Relavanz von Gitarrenmusik in der heutigen Zeit

14 Beiträge - 920 Aufrufe
21.09.2020 | 18:11 » Moderation benachrichtigen
Beim Schmökern der Ausgabe 323 bin ich bei einer Rezi von "The Thermals" über die Aussage von Dennis Drögemöller gestolpert, dass Rockmusik seit dem Millenium seine gesellschaftliche Dominanz eingebüsst hat.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Hat Gitarrenmusik wirklich an Relevanz verloren und wenn ja, woran merkt man das? Je mehr sich meine Gedanken darum drehen, desto mehr scheint mir, als habe Dennis da absolut Recht.

Vor 10 Jahren gabs in Köln noch viele "Rockdiscos", wo sich bei Lenny Kravitz, Tool und Beatsteaks viele drauf verständigen konnten. Heutzutage hat keiner mehr Lust auf solche Musik in Clubs. Ich studiere selbst noch und von meinen Kommilitionen würde kaum wer auf die Idee gekommen, dazu abzuzapppeln, nicht mal bei den populären "Hausparties". Und wenn es doch welche gibt, dann hören die nur die alten Schinken bzw. Klassiker. Relevante Rockmusik der letzten Jahre, die mehr als nur einen kleinen Kreis begeistert,so wie es früher mal und der Soundtrack einer Generation ist ? Fehlanzeige.

Dass Gitarrenmusik als Kunstform zunehmend an Relevanz verliert, sieht man auch schön an den Album-Covern. Das Baby von Nirvana, das weiße Pony bei den Deftones oder die geheimnisvolle Kreuzung bei Radiohead? Cover haben auch immer zur Mystik eines Album beigetragen, sind im besten Fall in die Popkultur eingegangen. Bei welchem Album ist das denn heute noch so?

Ob die Qualität von Gitarrenmusik abgenommen hat mit den Jahren, ist sicher schwer und schon gar nicht pauschal zu beantworten, ? Viellleicht liegts am spotify-Zeitalter, dass Künstler nicht mehr die Muse oder die Zeit haben für ein solches Album, womöglich hat sich auch das Hörverhalten hin zu einzelnen Songs verlagert, vielleicht ist aber auch inzwischen alles irgendwie auserzählt, was mit Gitarrensaiten zu erzählen ist. Wenn man sich die Alben der letzten Jahre so anschaut, dann weiß ich nicht, woher solche bahnbrechenden, wegweisenden und zeitlosen Alben wie "Superunknown", "Songs for the Deaf" oder - ganz aktuell in meinem Player - "Relationship of command" noch kommen sollen.

Und bevor sich jemand auf den Schlipps getreten fühlt: ich will keinem den Spaß an der "heutigen" Gitarrenmusik nehmen. Auch heute erscheinen tolle Alben, die Menschen begeistern können. Und man kann sich mit Recht auf den Standpunkt stellen, dass es doch egal ist, ob etwas dominant oder relevant ist, so lange es einem gefällt.

Aber mein und sicher auch Dennis` Punkt ist ein anderer: Dass der Stellenwert von Gitarrenmusik seit Jahren abnimmt und mehr und mehr zur Hintergrundbeschallung von Mainstreamfestivalbesuchern und Geheimtipp für Musikhörer wird. Und das finde ich schade.

Vielleicht schreibt ja auch der ein oder andere Redakteur was dazu und ob er dieses Phänomen auch wahrnimmt. Würd mich freuen :-)
21.09.2020 | 19:30 » Moderation benachrichtigen
Bevor ich in ellenlangen Sätzen direkt wieder was vergesse: Doninanz? (Im ersten Absatz.)
Tatsächlich meine ich, mich erinnern zu können, dass da so ein Nu-Metal-Jieper war und dann noch vielleicht ein bisschen so "Indiezeug", aber dominant wie bspw. der Retortenrap, das Deutschpoetentum oder klassischer Pomppop... nö. Schon was länger her.

Zur gemeinen Relevanz: Hatten wir doch andernthreads bereits und ich bleibe dabei - wer suchet, der findet.
Da ist viel geiles Zeug da draußen - und auch hübsche Cover gibt's noch -, und wenn Spotify der Teufel ist, dann besser bei Bandcamp vorbeigucken.
"Wenn überhaupt" haben für mich (!) die "Großen" ihre Relevanz verloren. Es sind vielmehr kleinere bis abseitige Dudekumpaneien, die mir Begeisterung entlocken und das Herz durchdrehen lassen.

...aber das ist eben mein ganz persönliches Ding; "gesamtmusikhörendgesellschaftlich" liegen die Foki halt anders, spielt Musik nur die Rolle qua C. Roche (läuft also auf die Hauptsache hinaus, es gefällt und das ist ausreichend) und ich wage vielleicht die alpenvorlandsteile These, dass Gitarrenmusik so vollkommen nebenbei wie Nichtgitarrenmusik nicht funktioniert.

Zuletzt geändert von fennegk 21.09.2020 19:39

22.09.2020 | 09:47 » Moderation benachrichtigen
Rock als "Trendgenre" ist natürlich nicht mehr so wichtig wie in den 60ern; wie lange will man auch eine Jugendkultur bleiben? Allerdings ist die Gitarre als Soundbaustein in Pop-Popmusik heute präsenter als vor 15 Jahren. Man denke etwa an Bands wie 5 Seconds to Summer. Was es halt nicht mehr gibt, sind die Szenen wie vor 20 oder 30 Jahren (Thema Soundgarden etc.), aber das ist ja auch okay. Heute 15jährige werden nicht das fühlen, was 1990 zu fühlen war. Außerdem:

Relevante Rockmusik der letzten Jahre, die mehr als nur einen kleinen Kreis begeistert,so wie es früher mal und der Soundtrack einer Generation ist ? Fehlanzeige.


Es gibt halt auch keine übergreifenden Subkulturen mehr in dem Sinne, da sich durch das Netz Individualisierung immer feiner vollzieht. Subgenres regeln.

Dass Gitarrenmusik als Kunstform zunehmend an Relevanz verliert, sieht man auch schön an den Album-Covern.


Wer 2020 in physischen Tonträgern denkt, begräbt den eigenen Standpunkt. Die Kids streamen, und Rockmusik, die reiner Altherrenzirkus ist, ist natürlich nicht zukunftsfähig.

Wenn man sich die Alben der letzten Jahre so anschaut, dann weiß ich nicht, woher solche bahnbrechenden, wegweisenden und zeitlosen Alben wie "Superunknown", "Songs for the Deaf" oder - ganz aktuell in meinem Player - "Relationship of command" noch kommen sollen.


Wenn es nur darum geht, auf der Gitarre neue Dinge zu machen, hör dir Covet oder Animals as Leaders an.
Wenn es um Tracks geht, die Millionenfach geklickt wurden, hör dir die Armada an Sadboi-whiteboyrappern an, die Gitarren samplen.
Wenn es einfach um großartige Rockalben der letzten Jahre geht... Parting Ways (gibt nur ein Album), The Dangerous Summer (die Selbstbetitelte), BRUTUS (irgendein Album), oder halt sowas wie nothing. nowhere. - mit Hoodie von dem guten Mann habe ich neulich sogar eine Person um die 15 in der U-Bahn gesehen, ist also ganz klar hipper shit.

Übrigens, keines deiner Alben bedeutet mir etwas. Es ist bei weitem nicht so objektiv, was "einfach gut" ist, wie man denken möchte :)
22.09.2020 | 09:50 » Moderation benachrichtigen
Bevor ich in ellenlangen Sätzen direkt wieder was vergesse: Doninanz? (Im ersten Absatz.)
Tatsächlich meine ich, mich erinnern zu können, dass da so ein Nu-Metal-Jieper war und dann noch vielleicht ein bisschen so "Indiezeug", aber dominant wie bspw. der Retortenrap, das Deutschpoetentum oder klassischer Pomppop... nö. Schon was länger her.fennegk, 21.09.2020 19:30 #


Wer übrigens mal abchecken will, wie "dominant" etwa Nirvana damals in Deutschland waren, werfe einen Blick auf die Charts des Jahres 1991:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nummer-eins-Hits_in_Deutschland_(1991)

Rocksongs auf der #1: Beinhart vom Werner Soundtrack, Wind of Change von den Scorpions, und Everything I Do von Bryan Adams. 1992 gab es dann To Be With You von Mr Big als Rockhit. Nix Smells Like Teen Spirit, nix Nevermind.
22.09.2020 | 15:51 » Moderation benachrichtigen
Es war ja auch früher nichts weltumspannendes. "Rockmusik" war immer nur in westlichen, white boy dominierten Ländern Nr #1. 1991 war Nirvana in South Central auch nicht der hotte Shizzle.
Und 1991 war auch schon bei uns Techno der Sound der Stunde. Zumindest in meiner Hood kam man nicht auf die Idee in so ne Dorf-Rock-Disse zu gehen. Wenn dann JUZ und man stellt den DJ oder halt Konzerte. Aber Rockdisse? Nee, dann lieber ab nach München, Riem-Flughafen Kantine.
22.09.2020 | 16:55 » Moderation benachrichtigen
[...] wie lange will man auch eine Jugendkultur bleiben? Allerdings ist die Gitarre als Soundbaustein in Pop-Popmusik heute präsenter als vor 15 Jahren.Alphex, 22.09.2020 09:47
Unterstreicht die These vielleicht nicht in ihrer Gesamtheit, aber arg aktuell:
In "Kings & Queens" von Ava Max (die Person gewordene B-Seite von Lady Gaga) wird die Bridge nicht Song fickend von 'nem Feature vollgerappt - da erklingt ein Quasi-Gitarrensolo, derbe Synthie, aber catchy as hell.

Und der Teil vor dem Fragezeichen ist mit das beste was ich zum Thema je gelesen habe!

Zuletzt geändert von fennegk 22.09.2020 16:59

22.09.2020 | 16:57 » Moderation benachrichtigen
Rock-DisseWoas Sois..., 22.09.2020 15:51
War ich zu gymnasialen Schulzeiten auch mal gewesen, kann aber sagen, dass ich bessere Gitarrenmusik - mit ehedem zumindest leckerem Essen - im Hard Rock Cafe abstaube.
23.09.2020 | 13:45 » Moderation benachrichtigen
Übrigens, 3 von den 10 Songs der Spotify (US?) Top 10 haben sehr klar hörbare Gitarren:
https://youtu.be/j5YZHlzAyxo
06.10.2020 | 12:14 » Moderation benachrichtigen
Ich würde sogar noch weiter gehen, muß aber vorher anmerken, daß man sich beim Weiterlesen der Meinung eines verstaubten alten Sacks aussetzt, der bisher nie eine Sekunde Musik gestreamt hat (falls YT nicht darunter fällt).
Ich habe die Zahlen im Heft gelesen, daß mittlerweile 85% des Musikkonsums auf Streaming entfällt, ich habe das Interview mit dem Spotify-Chef vor einiger Zeit gelesen und ich kann mich grob an Schmirglies Ausführungen zur Bezahlung der Musiker erinnern.
Musik (ob mit Gitarre oder nicht) ist den Weg alles Guten gegangen, mit dem sich Geld verdienen lässt und zwar viel Geld. Sie ist zu einer Ware verkommen, die in Massenproduktion hergestellt wird....in etwa mit dem Wert eines Papiertaschentuchs. Du benutzt es und wirfst es weg. Qualität findet sich, wie überall, wo grosses Geld gemacht werden soll, in den kleinen Nischen, die sich Idealisten selber schaffen. Denen es allerdings egal sein muß, daß sie nie eine adäquate Gegenleistung für ihr Engagement erhalten werden. Riesenrespekt für alle, die diese Nischen am Leben erhalten. Man kann nicht mehr tun, als die Konzerte zu besuchen, sich bei den guten Menschen für die Show zu bedanken und ihnen etwas abzukaufen. Aber ich behaupte, das wird es immer geben. Gitarren werden nie mehr den Stellenwert haben, wie '60/'70 vielleicht noch '80. Aber sie werden nie verschwinden, weil es immer Idealisten geben wird. Rock'n Roll muss nicht gerettet werden, der kann auf sich selbst aufpassen :klugscheiss:.
Bei Musik regt mich diese Entwicklung unfassbar auf. In anderen Bereichen bin ich Teil des Problems, weil ich da mit der tumben Masse treibe :dash1:. Ich schaue mal einen Blockbuster, statt ins Programmkino zu gehen, ich schaue, wenn überhaupt Sport, dann Fußball, wo der Kommerz noch unerträglicher ist. Aber keinen anderen Sport mehr. Es ist nicht schön.
06.10.2020 | 18:16 » Moderation benachrichtigen
Rundherum salomonisch im besten Sinne!
:cheers:
10.11.2020 | 16:02 » Moderation benachrichtigen
Nachtrag hier: Bei den MTV VMAs (ja, die gibt es noch, aber die sind nicht der Punkt) haben Doja Cat und YUNGBLUD folgende Songs performt - bzw. dafür hochgeladen, weil die Sache mit Live-Events ist ja aktuell eher nicht:





Das hat zwar eher massive Hot Topic-Vibes als bluesiges oder gar grunge-iges (igitt) gefiedel, aber für alle Kulturpessimisten und Ultraboomer (googlet die zwei, bevor ihr hier "Wer???" rausblökt wie eure eigenen Eltern als ihr CDs heimgebracht habt) eventuell trotzdem eine Neuigkeit.
10.11.2020 | 16:25 » Moderation benachrichtigen
Für mich nur ein weiterer Beweis, wie schwach deutsche Musikveranstaltungen und deren Dauerprotagonisten sind. Aber in Deutschland sind ja schon Pur im Abenteuerland.
10.11.2020 | 18:49 » Moderation benachrichtigen
Dieser Youngblud erinnert mich an diese Busted. Kennt die noch wer? Für mich eher so Teenie-Poppunk für Briten.
Die Performance von Doja Cat hatte ich beim herumzappen erwischt. Allerdings nur die letzten 30 Sekunden. Danke für das Heraussuchen. Ich war nämlich überrascht, dass da jemand ein Gitarrenriff zimmert. :bigsmile:
10.11.2020 | 18:50 » Moderation benachrichtigen
Für mich nur ein weiterer Beweis, wie schwach deutsche Musikveranstaltungen und deren Dauerprotagonisten sind. Aber in Deutschland sind ja schon Pur im Abenteuerland.Woas Sois..., 10.11.2020 16:25 #


Das umfasst doch aber den europäischen Geschmack. Gesendet wurde wohl aus UK und Ungarn?

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