0 Autor: Christian Wiensgol

Into It. Over It. - Standards

Standards
  • VÖ: 29.04.2016
  • Label: Triple Crown/Indigo
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 278 - Schönheit der Ausgabe

Der Klassenbeste des aktuellen Emo-Revivals ist längst zu neuen Songwriter-Ufern aufgebrochen. Das dritte echte Album von Into It. Over It. überzeugt auf ganzer Linie.

Er ist der Sufjan Stevens des wiedererstarkten 90er-Emo. Zwar mussten es bei Evan Weiss nicht alle Staaten der USA sein, aber immerhin "Twelve Towns" versammelte er auf dem gleichnamigen Quasi-Album und keine seiner zahlreichen übrigen Veröffentlichungen kommt ohne geografische Verweise aus, meist in Richtung seiner Heimat Chicago. Seitdem er Into It. Over It. ins Leben rief, um der Lethargie zu entkommen, indem er ein Jahr lang wöchentlich einen Song schrieb und online veröffentlichte, ist Weiss ein äußert produktiver Musiker. Ob mit Into It. Over It. oder seinen durchweg hörenswerten Nebenprojekten wie zuletzt Pet Symmetry oder Their / They’re / There, was er anfasst hat meist ein Konzept, mindestens aber Hand, Fuß, Herz und Seele. Kurzum: Die Erwartungen an "Standards" sind hoch. Und sie werden erfüllt – auch wenn diesmal das einzige Konzept war, möglichst unvorbereitet in den Schreibprozess zu gehen, der Weiss in die Abgeschiedenheit einer eingeschneiten Hütte in Vermont führte. "Standards" denkt den offenen Ansatz von "Intersections" weiter, der den Songs von Into It. Over It. mehr Raum zum Atmen ließ als der Emopunk-Rahmen von "Proper". Schon auf seinem Albumdebüt bewies Weiss, dass seine weiche Stimme und Melodieführung in ruhigen Momenten einem Ben Gibbard näher steht als jedem Sänger aus dem klassischen Emo-Bereich. Nun werden die Parallelen zu Death Cab For Cutie unüberhörbar. Und das nicht nur in den von John Vanderslice produzierten vielschichtigen leisen Momenten. Das frühe Highlight "No EQ" verbindet Rhodes-Piano, Schlagzeug-Shuffle, elegischen Klangteppich und eine atmosphärische Steigerung zu einem Gitarren-Finale, und das alles in einem irren Tempo. Danach wird "Standards" abgesehen vom mitreißend an die frühen Get Up Kids erinnernden "Vis Major" und dem hyperaktiven "Adult Contempt" zurückhaltender, ohne dass Weiss sein verschwurbeltes Gitarrenspiel darüber vergisst. Textlich ist der Chicagoer weiterhin das Gegenteil von Zurückhaltung: Bereits im Singer/Songwriter-Einstieg "Open Casket" geht er schmerzhaft offen mit alten Freunden und sich selbst ins Gericht. Doch es geht tiefer: Im Zentrum von "Standards" bleibt Weiss erst in "Your Lasting Image" allein mit einer verhallten Gitarre und verblassenden Erinnerungen zurück, bevor er sich in "Old Lace & Ivory" wissentlich in Seenot begibt. Der rettende Kompass des Covers wird in der überaus schmucken Vinylversion im Übrigen zu einem Wechselrahmen für Artworks zu allen zwölf Songs.

Bitte einloggen, wenn du diese Platte bewerten möchtest.

Bitte einloggen, wenn du diese Platte kommentieren möchtest.