0 Autor: Frederik Tebbe

Defeater - Abandoned

Abandoned

Die Hauptfigur auf Defeaters neuem Album ist ein Priester, der vom Glauben abfällt. Abandoned hingegen festigt den Glauben daran, dass Defeater zu den ganz Großen im Post-Hardcore gehören.

Sie haben schon alles durch: Vatermord, sozialer Abstieg, Kriegstraumata, rivalisierende Brüder und eine zerrüttete Familie. Quer durch all ihre Veröffentlichungen spannt die Post-Hardcore-Band aus Boston eine große Geschichte über eine von den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs gebeutelte Arbeiterfamilie aus New Jersey. Jetzt kommt das retardierende Moment: Auf ihrem vierten Album "Abandoned" zoomen Defeater ein Stück raus und erzählen von einem Priester, der während des Kriegs vom Glauben abfällt; Derek Archambault kreischt das wiederkehrende Motiv: „Forgive me /My father /For I am a sinner“. So beeindruckend Defeaters lyrisches Großprojekt ist, sie schreiben nach wie vor Alben, keine Bücher. Und bei denen kommt es auf die Musik an, die es auch auf "Abandoned" in sich hat.

Seit jeher steht die Band für modernen Post-Hardcore, der richtig an die Nieren geht. Archambaults Stimme ertönt hass- und schmerzerfüllt über brutale, aber melodische Gitarrenwände, die den Hörer in den Sessel drücken, ab und zu mit leichtem Post-Rock-Einschlag auch Gelegenheiten zum Durchatmen lassen. So werden schlechtgelaunte Kolosse wie "Unanswered", "December 1943" oder "Spared In Hell" nahbarer und nicht unerträglich schmerzhaft. Zwar ist Archambaults Stimme immer am Limit, doch auch apokalyptische Kompositionen wie "Remorse" werden durch melodisches Gitarrenspiel an den richtigen Stellen aufgelockert. In Richtung Post-Rock blinzelt die Band mit "Borrowed & Blue", das mit einem besonderen Gimmick aufwartet: Make-Do-And-Mend-Sänger James Carroll tritt zum Gastgesang an. Seine Stimme lockert Archambaults Agonie erfrischend auf, das groovige Duett zählt definitiv zu den stärksten Songs, die Defeater in ihrer Laufbahn geschrieben haben. Dem steht das mitreißende "Atonement" in nichts nach: Über sphärische Gitarrenfiguren wünscht sich Archambault Erlösung, „No holy spirit /No resurrection[…] /Hopeless and abandoned“ schreit er von ganz unten, die Band nimmt sich gelassen zurück, sorgt für Klöße im Hals und den bisher besten Post-Hardcore-Song des Jahres.

Defeater sind die großen Dramaturgen ihres Genres, die den Hörer am Kragen packen und in ihre Stories vom verschütteten Leben hineinziehen, die ganz laut, dreckig und böse, aber auch wunderschön, intim und zerbrechlich sein können – mit einem spannenden, konsequenten und ambitionierten Masterplan als inhaltlichen Überbau, der seinesgleichen sucht.

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