Nach dem letzten Screaming Trees-Album durfte spekuliert werden: Hatte Lanegan dem Material auf „Dust“ deutlicher seinen Stempel aufgedrückt als zuvor? „Scraps At Midnight“, sein drittes Solo-Werk, widerspricht dem Versuch, dem Sänger mehr Spielraum innerhalb der Band einzuräumen. Die neuen Stücke zeigen vielmehr den noch mehr nach innen gekehrten Songschreiber, der sowohl musikalisch als auch textlich nur seine eigene Perspektive zuläßt. Daß sich oberflächlich betrachtet nach „Whiskey For The Holy Ghost“ nicht viel verändert hat, die Atmosphäre immer noch von vernebelten Spelunken und dem Schmerz des einsamen Mannes bestimmt wird, läßt weiter an Lanegans Seelenheil zweifeln. Doch die Chemie stimmt: Zusammen mit Mike Johnson, Keni Richards, Paul Solger Dana u.a. transferiert Lanegan den Blues aus Sicht des geläuterten Rockmusikers aus Seattle in aktuelle Gefilde. Ohne überschwenglichen Pathos, ohne allzu aufdringlich in sein Schnapsglas zu weinen, dafür aber mit viel Gespür für den richtigen Einsatz akustischer Schmachtfetzen und elektrischem Jaulen. „Hospital Roll Call“ und „Because Of This“ bilden die Eckpfeiler, zwischen denen die anderen Stücke umeinanderkreisen. Einen aufgehenden Horizont wird man auf dieser Platte nicht finden, dennoch müßte man Lanegan raten, sich ausschließlich seinem eigenen Potential zu widmen, hätte das letzte Trees-Album nicht doch noch bewiesen, daß auch dort noch etwas möglich ist.
Bewertung: 10/12
Leserbewertung: 9.5/12
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