0 Autor: Stefan Reuter

The National - Sleep Well Beast

Sleep Well Beast

The National sind an einem Punkt angekommen, an dem sie nichts mehr falsch machen können - und das wissen sie selbst am besten. Also nutzen sie diese Freiheit, um ihr bis dato wendungsreichstes Album aufzunehmen.

Es sagt einiges über eine Gitarrenband aus, wenn im Vorfeld einer Albumveröffentlichung Soli zu einem wichtigen Thema werden. Im Fall von The National ist die Irritation, die der erste Vorbote ihres neuen Albums mancherorten verursachte, auf die Außenwahrnehmung zurückzuführen. Durch ihre sechs bisherigen Alben haben sich Sänger Matt Berninger und die beiden Brüderpaare Dessner und Devendorf einen Ruf als anspruchsvolle Formation mit mindestens einem Fuß in der Avantgarde aufgebaut, die mit ihren eleganten Kompositionen mal eben so die Elbphilharmonie ausverkauft und billige Rockismen vermeidet. Das ist soweit auch korrekt, am Ende des Tages sind The National aber vor allem eines: eine Rockband.

Das Solo von "The System Only Dreams In Total Darkness" ist dabei nicht einmal der aufgekratzteste Augenblick auf "Sleep Well Beast", den reserviert sich "Turtleneck" mit einem unwahrscheinlich zickigen Duell zwischen Aaron und Bryce Dessners Gitarren. Näher waren The National der Garage noch nie. Berninger lässt sich davon anstacheln und verfällt in kontrollierte Hysterie wie sonst nur in ausgewählten Konzertmomenten. Textlich wird er ebenfalls ungewohnt bissig: "The poor they leave their cellphones in the bathrooms of the rich/ And when they try to turn them off/ Everything they switch to is just another man in shitty suits everybody's cheering for."

Doch weder ist "Sleep Well Beast" das gesellschaftskritische Album der Band, obwohl die bekennenden Unterstützer der US-Demokraten einiges zu aktuellen Entwicklungen zu sagen hätten, noch ist es ihr Gitarrenalbum. Vielmehr führen die Musiker alle Erfahrungen zusammen, die sie in den vier Jahren seit "Trouble Will Find Me" in den unterschiedlichsten Projekten gesammelt haben, und erweitern sorgfältig ihren Stil. Viele Stücke sind geprägt vom Pluckern und Flimmern der Synthesizer, dennoch bleiben "Walk It Back" und "Empire Line" dank Bryan Devendorfs Schlagzeugspiel und Berningers Bariton unverkennbar. "I'll Still Destroy You" lässt hektische Streicher durch die massive Wall Of Sound der Percussion schwirren, während das wunderschöne "Carin At The Liquor Store" vor allem von den schweren Klavier-Akkorden lebt, die Zeilen wie "It wasn't so bad, I wasn't that sick / Got taken by love, I wasn't that quick" direkt ins Herz pressen – und von seinem leiernden Gitarrensolo.

Wie man es von The National gewohnt ist, wollen die Feinheiten von "Sleep Well Beast" – und davon gibt es jede Menge – nach und nach entdeckt werden. Das gilt insbesondere für den impressionistischen Titelsong, der das Album gewagt, aber gekonnt abschließt. Und ja, trotz der Experimente bleiben die wichtigsten Tugenden unvergessen, so auch Berningers Aphorismen für die Ewigkeit: "Let's just get high enough to see our problems." Sie sind eben die unwahrscheinlichste Rockband der Welt.

Leserbewertung: 9.2/12

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