0 Autor: André Bosse

The Afghan Whigs - In Spades

In Spades
  • VÖ: 05.05.2017
  • Label: Sub Pop
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 290 - Schönheit der Ausgabe

Greg Dulli lehrt dem Rock einmal mehr den Soul; das Niveau ist so hoch wie zur besten Zeit der Band.

Wo genau steckt eigentlich die Seele im Rock der Afghan Whigs? Von Beginn an gilt die Gruppe um Dulli als Gitarrenband mit Soul, in der ersten Phase sogar als Grunge’n’Soul. Für Dulli gehen beide Genres einfach zusammen, schließlich eint beide Musikstile das Leid und die Intensität. Der große Unterschied jedoch liegt im Groove: Grunge und alternativer Rock bewegen sich wie Füße im Sirup, Soul dagegen tänzelt und wiegt sich. Auf den besten Alben der Afghan Whigs hat Dulli mit seinen Songs und seinem Gesang diese beiden Rhythmen zusammengeführt: Gentleman (1993), Black Love (1996) und 1965 (1998) klingen noch heute wie eine Wucht, es gibt Drama und Schmerz, Liebe und Narzissmus – vor allem aber Songs, in denen sich die Seele dem Teufel zuwandte und trotzdem dem Licht entgegen tänzelte. Göttliche Musik also! Es folgte die Auflösung, nach der sich Dulli anderen Projekten widmete, die weiterhin gut funktionierten, aber die Göttlichkeit nur noch schrammten. 2014 kamen die Afghan Whigs zurück, Do To The Beast klang nicht nur dem Titel nach wie eine Arbeitsaufforderung. Man merkte Dulli und seinen Mitstreitern (darunter mit Bassist John Curley nur ein Originalmitglied) an, dass es möglich, aber nicht einfach ist, die Form der 90er zu erreichen. Mit In Spades ist ihnen dies nun gelungen. Demon In Profile besitzt einen Basslauf, der aus Motown stammen könnte, die Drums widersetzen sich der Leichtigkeit, darunter liegen Percussions, die unterschwellig antreiben, der Hauptmotor sind aber Bläser und eine Gitarre, die mal jault, mal Funk imitiert – und immer nach den 70ern klingt. Die Bläser bleiben für den nächsten Song im Raum, Toy Automatic funktioniert jedoch wie eine Symphonie: Dulli singt entweder vom Sex oder vom Tod, so genau weiß man das nie, wobei man davon ausgehen darf, dass dieser Mann jeden Orgasmus als eine Art Nahtoderfahrung betrachtet. Toy Automatic ist erst der vierte Song, und doch fragt man sich, was noch folgen soll. Mit Oriole zieht sich das Album kurz zurück, bevor Dulli für Copernicus Metal-Gitarren aufspielen lässt, mit The Spell Curtis Mayfield gedenkt und bei Light As A Feather Thin Lizzy den Funk beibringt. Was noch fehlt, ist die große Ballade, die kommt ganz klassisch am Ende: Into The Floor ist schon jetzt fester Bestandteil des Zugabenteils, Dulli heult wie ein unglücklich verliebter Kojote, die Band erinnert sich an die Kraft der Powerballade: Boston, Foreigner, Toto – aber auch der späte Marvin Gaye. Keine Rockband auf der Welt klingt wie die Afghan Whigs.

Leserbewertung: 10.0/12

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