0 Autor: Markus Hockenbrink

Bon Iver - 22, A Million

22, A Million

Schrecklich, wenn Rocktraditionalisten den Schuster fordern, der bei seinen Leisten bleiben soll. Noch schlimmer, wenn es Platten gibt, die das ihrem Schöpfer ebenfalls nahelegen. Bon Ivers neues Album verstört auf ganzer Linie.

Ein paar zugängliche Songtitel gefällig? Wie wäre es mit 22 (Over Soon), 33 „GOD“ oder 10 Death/Breast? Sollte ein kokainsüchtiger Esoteriker mit Jesuskomplex Bon Ivers neue Songs getauft haben? Und wenn ja, hat er dann auch an 715 – Creeks mitgewirkt? Wer schon immer davon geträumt hat, Justin Vernons schöne Stimme zuerst durch einen defekten Vocoder und dann durch das schlechteste Autotune der Welt zu hören, kommt bei dem Song (und ein paar anderen) jedenfalls voll auf seine Kosten. Wobei „Tracks“ wahrscheinlich der bessere Begriff für die zehn Stücke wäre, denn für herkömmliche Songstrukturen interessiert sich 22, A Million nur so lange, wie sie oberflächlich verfremdet werden können. Schwer zu sagen, wie viel Mühe sich der Sänger hier gegeben hat. Das Ergebnis erinnert an das Werk eines cleveren Kindes im Kunstunterricht, das sich nicht mehr besonders anstrengt, seit es das Konzept von „abstrakt“ begriffen hat. Oder gleich an die letzte Mando-Diao-LP. Auf Bon-Iver-Fans wartet jedenfalls eine krasse Dosis Liebesentzug, es sei denn, man hat zufällig gleichzeitig sein Faible für anämische Synthies, richtungsloses Hintergrundgeplucker und herausgestöhnte Paintbrush-Vocals entdeckt. Vermutlich wäre das Album als Demoversion – so sie denn existiert – interessanter anzuhören, denkbar aber auch, dass die Songs gleich auf ganz andere Weise entstanden sind. Eitelkeit und Kritiklosigkeit saßen schlimmstenfalls ganz vorne mit am Regler.

Bewertung: 4/12
Leserbewertung: 10.3/12

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