Optischer Erstkontakt mit Worship Music: Zombies von allen Seiten. Sinnbildlich stehen sie für den faulen Kompromiss zwischen Leben und Sterben, auf den sich Anthrax während ihres letzten Band-Jahrzehnts eingelassen haben. Eine Geschichte, die vom Scheitern und Aufraffen, von Verwirrung und Rückschlägen, von Ehrgeiz und Kontrollwahn, Egos und deren Unterordnung erzählt. Beinahe wäre das New Yorker Tischbein der Big Four-Tafelrunde unter diesen Lasten eingeknickt. Den Anthrax-Kader des Jahres 2011 sichtbar zu machen, ist daher mehr als reine Formsache. Worship Music bietet Innenansichten: Scott Ian, Charlie Benante, Frank Bello, Rob Caggiano und Joey Belladonna kämpfen gegen ihre gammeligen Alter Egos ums Überleben.
Zumindest in der Comic-Version ihrer Realität schlagen sie sich dabei tapfer. Erst jetzt, nachdem mit Sänger Belladonna wieder 80 Prozent des klassischen 80er-Lineups beisammen sind, scheint die Band über den Berg zu sein und die Schwerkraft auf ihrer Seite zu haben. Doch was bleibt, nachdem die vielköpfige Hydra besiegt, ein neuer alter Frontmann integriert und die Verbindlichkeit des eigenen Kultstatus relativiert wurden? Zehn Jahre Zeit für das Songwriting. Das Ausfiltern unnützer Ideen, die sich quantitativ (13 Songs) und meist auch qualitativ bemerkbar machen. Außerdem hörbare Perspektivenwechsel, wie sie nur wenigen anderen Alben widerfahren sein dürften. Anders als Guns ’N Roses vernichten die New Yorker jedoch nicht ihre eigene Legende. Vielmehr richten Anthrax ihre Spots auf die Stellen, die den Karriereknick schadlos überstanden haben.
Da gibt es markante und geradezu tanzbare Gitarrenriffs wie in "The Constant", die nicht nur von Mosh-Männchen Scott Ian, sondern auch wieder aus der Feder von Drummer Charlie Benante stammen. "The Devil You Know" ist ebenfalls eine gut funktionierende Liaison, in der sich Anthrax zugunsten von schwer fundamentiertem Hardrock vom Thrash-Paradigma und auch dessen Tempo lösen. "Worship Music" will in den Disziplinen punkten, für die Anthrax erstmals mit John Bush als Sänger trainiert haben. In The End etwa lässt sich über sieben Minuten zu einer düsteren Dramatik herab, die auf "Among The Living" oder "Persistence Of Time" bestenfalls zur Partybremse geraten wäre. Mit klassischen Vokal-Vibratos und mehrstimmigen Hooklines wollen Anthrax wieder auf die Erde – und hoffen, dass dort inzwischen ein Update der Fanschicht "Natural Born Hardrocker" stattgefunden hat.
Leserbewertung: 8.4/12
Bitte einloggen, wenn du diese Platte bewerten möchtest.