0 Autor: Matthias Möde

Beatsteaks - Boombox

Boombox

Polternde 73 Sekunden. Drei Minuten Ohrwurm. Fünf Minuten Offbeat. Runde 34 Minuten. 365 Tage Funkstille. Vier Jahre ohne Album. Ein und dieselbe Band, die so freizügig klingt wie selten zuvor.

Keine drei Minuten benötigen die Beatsteaks auf ihrem sechsten Album, um die Offenheit ihres aktuellen Sounds auf den Punkt zu bringen. Behaviour benimmt sich so, wie es eine polternde Punkrock-Hymne nun mal tut. Kurzer Anlauf, dann geht’s in die Vollen. Das Schlagzeug brettert, jagt die Gitarren zu herausgeschrienen Parolen, die zwischenzeitlich in einen fast sanftmütigen Chor übergehen: „I´m not gonna wear your shirt!“ Die H&M-Filialen erzittern und sollten wohl noch mal darüber nachdenken, ob sie guten Gewissens T-Shirts für nicht mal fünf Euro verkaufen können. Nach nur 73 Sekunden ist Schluss. Weit zurückgelehnt schiebt sich "Automatic" mit seinem Reggae-Offbeat durch den grün leuchtenden Stadtpark. Der Quasi-Titeltrack nimmt dem kommenden Sommer schon mal einen Hit vorweg, zu dem sich bunte H&M-Shirts wie warme Semmeln verkaufen dürften. Die Beatsteaks allerdings spielten den Song in originaler Ska-Montur ein. Schwarz/Weiß-Denken kommt trotzdem nicht in Frage, denn was tut es schon zur Sache, ob man nun Nietengurt, Baggy Pants oder Anzug und Hut trägt. Auf "Boombox" darf es auch mal eine Bommelmütze sein oder Torstens Tochter, die zum Ende von "Automatic" den Albumtitel und die Vornamen der Beatsteaks aufzählt. Zwei Songs also, die Eins-Live-am-Tage-Hörer und die Punkrock-Polizei glücklich machen dürften, sie vielleicht sogar vereinen können; die vor allem aber dafür sorgen, dass "Boombox" chronologisch gehört spannend bleibt.

So ist es wohl auch kein Zufall, dass die Beatsteaks zur Eröffnung mit Kanonen auf Spatzen schießen und im Anschluss auf ihren unwiderstehlichen Charme setzen. "Fix It" klingt dreckig, das Schlagzeug scheppert, Gitarren und Gesang pfeifen aus dem letzten Loch – und kriegen doch alles geregelt. Dann kommt "Milk & Honey", die strategisch gut gewählte Vorabsingle. Ein perfekter Song mit typischen Beatsteaks-Gitarren, Arnims einnehmendem Gesang und einer Melodie, die auch von Altmeister Morrissey stammen könnte. Der Soundtrack zum Eintritt in eine höhere Liga. Denn auf die live im TV übertragene Eins Live Krone wird die Dauerrotation in den Clubs und Radios folgen, über die sich auch Radio-Verweigerer freuen sollten, die zur rechten Zeit zufällig einschalten.

Nach ihrer selbst auferlegten Pause sind die Beatsteaks immer noch die Beatsteaks, aber eben nicht nur die Band, die so verdammt gut zu Rock am Ring passt – obschon man sich das überschäumende "Bullets From Another Dimension" genau dort am besten vorstellen kann. Vielmehr sind die fünf Berliner eine Band, die sich selbst in Frage stellt, erst danach aus Überzeugung weitermacht und sich weiter entwickelt. Auch wenn Gesang und Gitarren nach wie vor ihr unverkennbares Markenzeichen sind, glänzt auch "Let’s See" mit ungewohntem Offbeat und "Under A Clear Blue Sky" mit einem Refrain, wie er auch vom letzten Biffy-Clyro-Album stammen könnte. Die Beatsteaks sind konsequent offener geworden und drehen ihre Boombox für einsame und hoch jauchzende Herzen, für Radio-am-Tage-Hörer, Punkrock-Polizisten und auch für sich selbst auf.

Leserbewertung: 8.6/12

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