0 Autor: Philipp Welsing

Envy - Recitation

Recitation
  • VÖ: 22.10.2010
  • Label: PIAS/Rock Action/Rough Trade
  • Erschienen in: VISIONS Nr. 212

Envy-Platten waren schon immer wie ein trauriges Gedicht aus der Hölle. Gesprochene Passagen, hörbar gemachte Emotionen – diesmal nennen die Japaner das Kind beim Namen.

Die Rezitation. Im Grunde etwas Vorgelesenes, erweitert durch die glaubhafte akustische Darstellung von Emotionen. Passt ja wie angegossen. Wir wollen hier besser nicht vom Weinen beim Musikhören reden, gern aber von jemandem, der beim Singen klingt, als würde er weinen. Das trifft einen dann nämlich schon, und Envy bekommen das auf ganz natürliche Weise hin. Man vermutet nicht, dass es diesen Asiaten gut geht. Man versteht ja auch kein Wort von dem, was sie da singen. Umso erstaunlicher, dass das Gefühl einem genau sagt, worum es in Envy-Liedern so geht. Real kaum greifbar, emotional zu 100 Prozent klar. Und während es bei Insomniac Doze eher um Postrock und langsam ansteigende Strukturen ging, gebärdet sich Recitation abgesehen von den poetischen Sprech-Stellen wie ein Pferd im Todeskampf auf Steroiden. All The Footprints... winkt von hinten, ein anerkennendes Nicken von Mogwai vorne. Die sind schon lange Fans, sonst hätte Tetsuya Fukagawa nicht schon auf einem ihrer Alben mitgesungen: Mr. Beast. Recitation ist ein gewaltiger Donner, weniger chaotisch als vielmehr fokussiert hart oder im Kontrast dazu verhuscht und leise. Es ist ähnlich wie beim Cover der Platte: Das könnte der Mond sein, das könnte eine Wüste sein. Man weiß es nicht – das macht die Wirkung nur noch stärker. Bleibt zu hoffen, dass sich die Texte der Band nicht in Wahrheit als Ripoff der Kassierer aus Wattenscheid entpuppen. Hört man Envy zu, bekommt man dazu keinen Anlass.

Bewertung: 9/12
Leserbewertung: 8.0/12

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