Wenn Wilson auf der Bühne seine Brille auflässt, hat das etwas subtil Guerillahaftes. Er ist das Milchgesicht mit schwarzem Gürtel, der Klassensprecher mit der Goth-Freundin, der TKKG-Tarzan aus Proghausen. Das Böse, das es zu bekämpfen gilt, ist die Seifenblasenwelt des oberflächlichen Rock’n’Roll. Robert Fripp, ebenfalls stoisch Bühnenbrille tragend, ist da nicht nur ein musikalisches Vorbild. Das stille Nein zum Fleischanteil in der Kunstform Rock tragen beide auf der Nase, ohnehin schauen sie lieber mit dem dritten Auge. Wie Fripp zu Beginn der 70er ist Wilson Kopf eines Massenphänomens im Frühstadium. Allein die Kulisse aus einigen tausend Porcupine-Tree-Fans im Tilburger 013-Center dürfte eine Genugtuung für Anbeter der großen weisen Prog-Eiche sein. Und all diese Leute hatten verdammtes Glück, im Oktober 2008 dabei zu sein. Obwohl mit The Incident inzwischen ein weiteres Album die Welt erblickt hat, zeigt Anesthetize die Band kurz nach Erscheinen von Fear Of Blank Planet. Dessen sechs Songs hauen Porcupine Tree in der Reihenfolge des Album-Tracklistings raus, eine messbare Abweichung vom Studioopus findet sich nicht – Click Track im Ohr und zwei Jahrzehnten Berufserfahrung sei Dank. Was für die spielerische Routine gilt, findet seine Fortsetzung in der Leidenschaft, mit der sich die Band in ihre Songs fallen lassen kann. Einen ersten Höhepunkt findet das im ätherischen My Ashes, das John Wesley (Autodrive, Fish) singt wie der junge Phil Collins in Genesis‘ besseren Zeiten. Wilson und seine Mitmusiker sind bekannt dafür, beste Qualität bei allem zu sichern, was das Haus in Richtung Öffentlichkeit verlässt. So auch hier. Zwei bewegliche Kameras, einmal direkt vor dem Bühnenrand und einmal mitten im Publikum, fangen die Atmosphäre der Performance sehr gut ein; drei riesige Videoleinwände transportieren auch auf Konserve die multimediale Botschaft. Es liegt im Auge des Betrachters, ob die audiovisuelle Macht der Bilder abseits des Live-Events einen solchen Stellenwert bekommen sollte. Fakt ist, dass etwas weniger Dynamik in der Schnittpraxis zugunsten häufigerer Totalen dem Gesamteindruck nicht geschadet hätte. Mit zwei Audiomodes (DTS HD5.1 oder LPCM Stereo) wurde der Geist dieser spürbar besonderen Show immerhin für die Ohren perfekt eingefangen. Von DVD-Extras auch hier keine Spur – wenn man absieht vom versteckten Blick in die Bandgarderobe vor What Happens Now?. Dort wird: gemeinsam meditiert.
Leserbewertung: 10.7/12
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