0 Autor: Roman Pitone

Gallows - Grey Britain

Grey Britain

„Egal wie lange es diese Band geben wird, es war immer ganz klar, dass unser zweites Album unser größtes werden würde. Zehn Mal besser als unser Debüt.“

Man könnte nun sagen: Klar, ihr hattet ja auch eine Million Pfund vom Label zur Verfügung. Aber mal im Ernst, wie viele Bands hat das Geld versaut, und sie haben überproduzierte und belanglose Platten veröffentlicht? Einige. Gallows hingegen haben so ziemlich alles richtig gemacht. Weder das Geld noch die hohen Erwartungshaltungen nach ihrem Debüt konnten offenbar ihren Fokus trüben: „Grey Britain“ ist ein verdammt wütendes und aggressives Punkrock-Album mit wuchtigem Punch geworden. Noch deutlicher als bei „Orchestra Of Wolves“ tritt der starke Black-Flag-Einfluss hervor – als hätte der britische Hardcore-Punk mit 30 Jahren Verspätung seinen Henry Rollins gefunden: Frank Carter. Nicht nur der rotzige Gesang des jungen Mannes ist eine Wucht – aus seinen Texten trieft die reinste Verachtung fürs Establishment.
Der über und über tätowierte Sänger hat auf den langen Touren zum letzten Album gerade sein Heimatland genau beobachtet. Und was er gesehen hat, kotzt ihn an, also brüllt er es heraus: Junge Menschen vegetieren in staatlich finanzierter Arbeitslosigkeit zufrieden vor sich hin und zeugen Kinder, die sie besser nicht zeugen sollten. Frühkriminelle Jugendliche stechen sich wöchentlich auf den Straßen Londons aus Rivalität ab. Dieben, Vergewaltigern und Mördern wird von der Kirche als moralischer Instanz für alle Sünden die Absolution erteilt. Es riecht nach (oder: wie im) Mittelalter. Was zuerst klingt wie eine sozialkritische Dystopie à la „1984“, ist Frank Carters Sicht auf das Großbritannien der Gegenwart. Natürlich fällt sie überspitzt und übertrieben aus, aber darum geht es schlussendlich auch: um die Provokation. Vielmehr noch ist „Grey Britain“ allerdings die Anzettelung eines Stellvertreterkrieges, den man so in der gesamten westlichen Welt entfachen könnte, wie der Sänger in einem Interview erklärte. Er schreibt über das, was er kennt und liebt, sein Land, sein Zuhause. Und genau diese Ambivalenz aus eigentlicher Heimatverbundenheit und absoluter Verachtung für das, was gerade mit ihr passiert, spiegelt sich auf dem Album wider.
Hierbei verleiht der herrlich englische Arbeiterklassen-Ton, der Carters Gesang anhaftet, der Platte zusätzliche Authentizität. Dabei sind die über das Album verteilten Gangshouts nicht nur bloße Aufrufe zum Mitsingen, sondern Aufforderung zum unzivilisierten Ungehorsam. „Grey Britain“ ist ein treffsicher gelandeter Faustschlag in die Fresse all derer, die sich mit dem Status Quo abfinden. Man erhebt nicht einfach mahnend den Zeigefinger – hier werden Fäuste gereckt. Man kann sich förmlich vorstellen, wie Gallows ihre Anhänger hinter sich mobilisieren, um schließlich mit einem ganzen Pulk Menschen wie Fußballhooligans durch die Straßen zu ziehen und dabei ihrer geliebten Heimat die Apokalypse an den Hals zu wünschen: „Four nails, four corners, four riders, four horses/ Bring me famine, bring me death, bring me war and pestilence!“

Leserbewertung: 10.7/12

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