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0 Autor: Oliver Uschmann

Against Me! - Searching For A Former Clarity

Searching For A Former Clarity

Rotzig wie ein lebenskluger Landstreicher würgt Tom Gabel 14 desillusionierte Hymnen in unser Ohr, die nicht wie solche klingen. Hot Water Country Clash.

Trotz sichtbarer Programmerweiterung steht Fat Wreck Chords immer noch für gepflegten Melodycore-

und Punkrock-Formalismus. Hört man dagegen Against Me!, erscheint die Melancholie und Empörung der

Labelkollegen fast halbherzig. Die Art, wie der als akustisch klampfender Protestsänger geübte Tim

Gabel seine Songs lebt, leidet und grölt, verschafft ihm eine starke Präsenz; die auf Punkrock,

Country, Singer-/Songwriter und neuerdings auch Ska-Anleihen fußenden Songs sind keine Hymnen im

frontalen Sinne, sondern eher diese merkwürdigen Stolperer, wie die frühen Hot Water Music oder

American Steel sie perfektionierten. Songs, die torkeln und schwanken, jeden Moment umkippen und

dann doch einen zündenden Hook finden – wie der Schwinger eines Boxer, der danach weitertaumelt. Melodien wie Laternen, in deren Lichtschein man urplötzlich aufgeweckt mitgrölt, die Faust reckt und

im besten Fall eine Gänsehaut bekommt. So ein Fall ist "Holy Shit", formal diszipliniertester Song

der Platte und programmatisch für die Haltung, die sie vertritt. Wie ein Mann, der eben erst sehen

gelernt hat, starrt Gabel mit großen Augen in den Irrsinn der Welt und hält ihn mit zynischen Texten

und einer Stimme zwischen Chuck Ragan, Billy Bragg und Glenn Danzig fest. "Searching For A Former

Clarity" ist ein Album des Konkreten, auf dem Condoleeza Rice angebrüllt oder der Blick ins Innere

der Musikindustrie so direkt formuliert wird, dass man den Eindruck entfesselter Desillusion

bekommt, die sich alles erlauben kann. Insofern spielen sie nicht den Blues, sie haben ihn. Und das

ohne behagliche Veranda.

Bewertung: 8/12
Leserbewertung: 9.0/12

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