Trotz sichtbarer Programmerweiterung steht Fat Wreck Chords immer noch für gepflegten Melodycore-
und Punkrock-Formalismus. Hört man dagegen Against Me!, erscheint die Melancholie und Empörung der
Labelkollegen fast halbherzig. Die Art, wie der als akustisch klampfender Protestsänger geübte Tim
Gabel seine Songs lebt, leidet und grölt, verschafft ihm eine starke Präsenz; die auf Punkrock,
Country, Singer-/Songwriter und neuerdings auch Ska-Anleihen fußenden Songs sind keine Hymnen im
frontalen Sinne, sondern eher diese merkwürdigen Stolperer, wie die frühen Hot Water Music oder
American Steel sie perfektionierten. Songs, die torkeln und schwanken, jeden Moment umkippen und
dann doch einen zündenden Hook finden – wie der Schwinger eines Boxer, der danach weitertaumelt.
Melodien wie Laternen, in deren Lichtschein man urplötzlich aufgeweckt mitgrölt, die Faust reckt und
im besten Fall eine Gänsehaut bekommt. So ein Fall ist "Holy Shit", formal diszipliniertester Song
der Platte und programmatisch für die Haltung, die sie vertritt. Wie ein Mann, der eben erst sehen
gelernt hat, starrt Gabel mit großen Augen in den Irrsinn der Welt und hält ihn mit zynischen Texten
und einer Stimme zwischen Chuck Ragan, Billy Bragg und Glenn Danzig fest. "Searching For A Former
Clarity" ist ein Album des Konkreten, auf dem Condoleeza Rice angebrüllt oder der Blick ins Innere
der Musikindustrie so direkt formuliert wird, dass man den Eindruck entfesselter Desillusion
bekommt, die sich alles erlauben kann. Insofern spielen sie nicht den Blues, sie haben ihn. Und das
ohne behagliche Veranda.
Bewertung: 8/12
Leserbewertung: 9.0/12
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