Ein russischer Sommer
1910: Leo Tolstoy ist ein Popstar seiner Zeit. Nach den Welterfolgen von "Anna Karenina" und "Krieg und Frieden" genießt er ein unvergleichliches Ansehen. Er selbst beginnt irgendwann, sich als Guru, als Führer einer neuen Lebensbewegung zu inszenieren.
Seine Anhänger sind die Tolstoyaner. Einer von diesen ist Valentin Bulgakow (James McAvoy). Angeheuert von Tolstoys Intimus Vladimir Chertkov (Paul Giamatti), soll Bulgakow Tolstoys neuer Sekretär werden. Fortan wird der glühende Verehrer Zeuge familiärer Tragödien, ausgelöst durch Tolstoys treue Gemahlin Sofya (fantastisch wie so oft: Helen Mirren). Sie möchte das Erbe ihres Gemahls im Schoße der Familie wissen.
Doch Chertkov arbeitet intrigant daran, Tolstoys Werk dem russischen Volke zuzuführen. Die Situation spitzt sich zu, bis sich der Meister genötigt fühlt, den Landsitz der Familie zu verlassen. Es soll seine letzte Reise sein.
Was wie ein schwermütiges Drama anmutet, lässt den Humor angenehmerweise nicht völlig außen vor. Dafür sorgt allein der unbefleckte, naive Bulgakow, der in Momenten der Verlegenheit immerzu niesen muss. Oder ein gutgelaunter Tolstoy, der seinem großen Fan gesteht, dass er es mit dem Reglement der Tolstoyaner gar nicht so genau nimmt. Charmant.
Und dann ist es doch wieder seltsam, dass "Ein russischer Sommer" (für Deutschland dümmlich sinnfrei betitelt) immer wieder wie die Verfilmung einer britischen Literaturvorlage wirkt. Das liegt zum einen an der Besetzung von McAvoy (Abbitte, Geliebte Jane) und Mirren (Elisabeth I, Gosford Park), die sich in diesem Genre nur zu gerne tummeln. Zum anderen wird hier in feinstem Englisch parliert, was die Sache einfach wenig russisch wirken lässt. Doch akzeptiert man diese Tatsache – was bleibt einem auch übrig? – entfaltet sich ein tolles, teils hervorragend gespieltes Zeit- und Gesellschaftsportrait.
Basierend übrigens auf dem Roman "Tolstoys letztes Jahr" von Jay Parini, der dafür zahlreiche Schriftdokumente, Tagebucheinträge und das reichhaltige Archiv der russischen Presse verarbeitet hat, was die Geschichte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Im Kino ist es einfach nur hübsch altmodisch.
Video: Trailer – “Ein russischer Sommer”





