Massive Attack: Berlin - Tempodrom (03.05.2003)
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Mal ehrlich: Was fällt einem ad hoc ein, wenn es um politisch aufgeladenen Erstliga-Pop geht? Die unvermeidlichen U2 vielleicht. Sting, der Regenwald-Retter. Vorzeige-Veganer Moby. Millionäre also, die mit ihrem Gutmenschentum bisweilen plakativ hausieren gehen und nebenbei den Papst und Tony Blair zum Kaffee treffen. Oder Typen wie Bob Geldof, die krampfhaft ein Stück des einstigen Ruhmes zu reanimieren trachten. Massive Attack räumen auf mit diesem Unfug. Auf die Sekunde genau um 21 Uhr betritt 3D aka Robert Del Naja flankiert zunächst von Rhythmus-Tandem, Gitarre und einem Keyboarder wortlos die weitläufig-strenge, fast sterile Bühne des zeltartigen Kuppelbaus. "Small Shot Away" vom aktuellen, ohne visuellen Input eher unspannenden Album "100th Window" eröffnet den druckvoll abgemischten, ausgewogenen Set, während im Rücken der Band eine gigantische LED-Wand zum Leben erwacht. In Echtzeit und deutscher Sprache (!) werden fortan Datensätze, Ziffern, chemische Formeln aufgerufen, die im Takt der Songs auf die Synapsen einprasseln. Kurioses ("wie oft du blinzelst", das Berliner Wetter, produzierte Reifen weltweit) steht gleichberechtigt neben gänzlich Sinnfreiem und politisch relevanten Fakten (die aktuellen Börsenkurse, Preise für diverse US-Waffen bis hinaus zum Flugzeugträger, Anzahl der Ziviltoten im Irak). Zu einer gespenstischen Version von "Risingson" etwa rattert die Tafel einen internationalen Vergleich von Rüstungsetats herunter, wobei einem der Atem stockt. Weitere musikalische Höhepunkte wären der sich zum Gitarren-Orkan steigernde, bombastische "Mezzanine"-Opener "Angel", das von Horace Andy unnachahmlich intonierte "Man Next Door" sowie die gegen Ende des regulären Sets gebrachten "Blue Lines"-Klassiker "Safe From Harm" und "Unfinished Sympathy". Auch einige neue Tracks wie das klaustrophobische "Future Proof", der durch eine Geigerin geadelte Schleicher "Special Cases" oder das gleichsam orientalisch anmutende "Antistar" gewinnen live deutlich, wogegen "Teardrop" kaum verhehlen kann, dass die für die Tour zusätzlich engagierte Dot Alison die übergroßen Schuhe einer Elisabeth Frazer nicht wirklich auszufüllen vermag. Nach exakt zwei verstörenden Stunden und zwei Zugabenblöcken findet der Abend wie stets in einem mitreißenden Abschluss-Jam sein Ende, während die Informationen auf der Tafel im Chaos versinken. Übrig bleibt, philosophisch betrachtet, weißes Rauschen. Datenmüll und frenetischer Applaus. Die Pink Floyd des TripHop treffen auf Michael Moore. Bono hat Pause. Die Bilder flimmern. Ein Spektakel.





