Social Distortion - Hard Times & Nursery Rhymes
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Wenn man Bands Weiterentwicklung und Veränderung verbieten wollte, hätten Radiohead geteert und gefedert gehört. Fans der ersten Stunde müssen dem neuen Werk von Social Distortion entsprechend den Stempel „Verrat“ aufdrücken, „File under Punkrock“ gilt für „Hard Times and Nursery Rhymes“ nicht mehr. In keiner anderen Subkultur wie dem Punk ist dieser dogmatische Reflex so zu Hause, man kann den kollektiven Aufschrei quasi spüren, wenn man das Album zum ersten Mal hört – dabei sind die Veränderungen gerade im sowieso hinkenden Vergleich mit Radiohead weit weniger schwerwiegend. Um sich mal direkt an die betonköpfigen amazon.de-Rezensenten zu wenden: habt ihr wirklich geglaubt, da würde nochmal ein „White Light, White Heat, White Trash“-Klon das Licht der ungerechten und verdammungswürdigen Welt erblicken? Und hättet dann nicht genau ihr etwas gefaselt von „dem guten Mike fällt auch nix neues mehr ein“? Die Entwicklung hin zu mehr Americana und Rock kommt nicht überraschend. Mike Ness als alt zu bezeichnen, ist mit Sicherheit keine Gotteslästerung, das weiß er selbst, das kann man hören. Daher könnte man das neue Album auch als „Alterswerk“ bezeichnen, die Dogmatiker werden „Sargnagel“ meinen. Glücklicherweise ist Mr Ness völlig schnuppe, welche Erwartungen er erfüllt oder enttäuscht, bei “Hard Times…” bleibt die Hasskappe des volltätowierten Outlaws jedenfalls neben der Revoluzzerfahne im Schrank. Beim starken “California (Hustle and Flow)” ist stattdessen deutlich zu hören, das er in letzter Zeit viel Rolling Stones und vor Allem deren „Exile On Main Street“ gehört haben muss, mehr Rassel-Blues geht kaum. „Bakersfield” und “Writing on the wall” hätten in Ihrer erdigen Truckerblues Atmosphäre genauso gut auf Mikes Solo-Ausflug “Cheating at Solitaire” in der ersten Elf stehen können, und das recht rasante „Can´t take it with you“ wurde mit Klavier und gospeligen Backing Vocals verziert. Einzig das schwache, etwas fad wirkende „Far Side of Nowhere“ ginge als Haar in der sonst qualitativ hochwertigen Buchstabensuppe durch und die Bass Drum hätte produktionstechnisch vielleicht etwas mehr Punch verdient. Unterm Strich ist „Hard Times…” ein abwechslungsreiches Album geworden, das eben wenig mit dem „Kick And Rush Punk´n´Roll“ von 1996 gemein hat, der Vibe ist eher Orangerot als blauschwarz, also eher amtlicher kalifornischer Sonnenuntergang als kalte Nacht in den Hollywood Hills. Ich gönne His Nessness die entspannte Laune und Altersmilde. Van Gogh hat sich ja auch nicht immer wieder nur mit abgeschnittenem Ohr gemalt. Double-Vinyl kommt im Gatefold mit Texten, zwei Bonus Tracks und Extra CD des Albums. Lohnt sich!




