The National: Neu-Isenburg - Hugenottenhalle (18.11.2010)
Eine Band hat schon schlechte Karten wenn der Sänger einen an den eigenen Zahnarzt erinnert. Phosphorescent aus den USA tun in ihrem Supporting-slot leider auch nicht viel um davon abzulenken. Ihr Alt. Country bietet nichts, was man nicht schon öfter so oder besser gehört hat. Dass der Teil des Publikums, der noch am Bierverkauf steht die stillen Passagen in Grund und Boden redet ist trotzdem nicht okay, aber macht's halt auch nicht besser. Da bleibt einfach wenig hängen, so sehr der Keyboarder zu den lauen Lüftchen auch headbangt. Dann lieber nochmal die neue Kings of Leon hören.Aber dann: die Leinwand hinter den Instrumenten ist plötzlich in lila Licht getaucht, kurz darauf betreten The National die Bühne. Ganz entspannt geht es mit "Runaway" los, während graue Wolken und Bäume hinter der Gruppe vorbei ziehen. Es wird bald ersichtlich, dass sie doch ganz genau wissen was für ein Album sie 2010 da erschaffen haben. Am Ende wird kein Stück von "High Violet" ausgelassen. Dazu kommen die Hits von "The Boxer". Überhaupt kommt man während der ersten Stunde aus dem Staunen nicht mehr heraus, welche Knaller die Männer aus Cincinnati da aus nur zwei Alben aneinander reihen können. "Bloodbuzz Ohio" kommt früh, man weiß schließlich, dass man immer noch einen drauflegen kann. Gut gelaunt zeigt sich Sänger Matt Berninger bei den Ansagen, sei es zu "Afraid of everyone" ("This song is about how fucked up American politics are"), oder "Conversation 16" ("I know this song sounds as if it's against marriage, but it's not!"). Vermutlich selten zuvor haben so viele Menschen mit einem Grinsen im Gesicht "Cause I'm evil" gesungen. Highlight des Abends. Und wer dachte es ist ein Riesenspaß Drummer Bryan Devendorf zuzuhören, muss ihn erst mal bei der Arbeit sehen. Den Schlußpunkt des regulären Sets setzen später das grandiose "England", zu Kathredalen-Fenstern auf der Leinwand, und "Fake empire" dessen Trompetenpart einen fast umhaut. Überhaupt bleiben der Trompeter und Posaunist zu jedem Lied auf der Bühne, finden überall einen Part, auch wenn er leicht umarrangiert ist. Das passt.
Da muss eigentlich fast nichts mehr kommen, aber natürlich kehren The National unter frenetischem Jubel zurück. Mit "Sorrow" ist man zunächst nochmal ganz entspannt, bevor bei "Mr. November" im Grunde Punk gespielt wird und Berninger so schreit, dass es gar nicht zu dem netten bärtigen Herrn im Anzug, den man den ganzen Abend begleitet hat, passen will. Bei "Terrible Love" gibt es schließlich kein Halten mehr. Auf der ersten Reihe balancierend klatscht er die ausgestreckten Hände ab, rennt dann singenderweise ins Publikum so weit es das Mikro-kabel zulässt. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, hatte man doch vor dem Konzert irgendwie einen introvertierten Eindruck von Berninger. Als er letztlich nach vorne zurückkehrt steht die Band dann geschlossen vor einem warmen Blau so nah es geht am Publikum und präsentiert ohne elektronische Verstärkung "Vanderly Crybaby Geeks", das nicht nur Rausschmeißer beim Album des Jahres ist, sondern auch nach 100 Minuten dieses wunderschöne Konzert beschließt. Es spielten für sie: Die Gewinner 2010.
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