The Pineapple Thief: Karlsruhe - Substage (21.10.2010)
Erscheckend wenig Leute haben den Weg ins Substage gefunden an diesem Donnerstag Abend. Wer ein gutes Gesichtergedächtnis hat erkennt aber einige vom Oceansize/Porcupine Tree Konzert von vor zwei Wochen wieder, was irgendwie nicht überrascht. Wie damals ist auch heute vom 16-jährigen mit Erziehungsberechtigtem bis zum Pärchen, dass sich der 6 vorm Alter nähert alles vertreten, nur eben leider nicht sehr viele. Man beneidet Sun Domingo trotz ihres recht doofen Bandnamens nicht, als sie die Bühne betreten und man jeden Huster hören kann.Das Quartett aus Atlana/GA scheint zunächst ganz gut ins Programm zu passen, tendiert dann aber immer wieder sehr zum Rock-Mainstream. Das ist zwar alles gut gemacht und als Vorband brauchbar, aber haut einen halt auch nicht vom Hocker. Das Publikum jedoch hat gute Laune und macht die 40 Minuten lang gut mit. Kurz vor Schluß kommt dann sogar ein echt groovendes Instrumental, das an Rush erinnert, bevor die Männer mit dem Bowie-Cover "I'm afraid of Americans" Ironie beweisen und doch irgendwie einen positiven Eindruck hinterlassen.
Für The Pineapple Thief rückt das Publikum dann doch noch ein wenig zusammen, aber richtig eng wird es leider einfach nicht, dafür sieht aber jeder gut. Die vier Briten lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen und legen einfach mal los. "God bless the child" macht den Anfang und der geklatschte Teil findet direkt seine Nachahmer vor der Bühne. Man spürt, dass das Publikum hier heute seinen Spaß haben will, auch wenn es im kleinen Kreis ist. "Tightly Wound" nimmt zunächst noch einmal Tempo raus, aber der Sound ist toll und die von Bruce Soord toll gesungenden Refrains klingen kristallklar. "3000 days" ist die erste von vielen Nummern des aktuellen Albums "Someone here is missing", deren elekronische Spielereien von Keyboarder Steve Kitch passend wie ein Legostein eingebaut werden. Drummer Keith Harrison arbeitet zuverlässig wie ein Uhrwerk, während Bassist Jon Sykes oft mit geschlossenen Augen auf seinen Einsatz wartet und dann den Groove mit trägt, dem sich niemand entziehen kann. Hier arbeitet eine Einheit, ohne dass es wie Arbeit wirkt. Das hier ist, mit Verlaub, emotionale Musik, keine verkopfte Mathematik, wie dem Prog so oft vorgeworfen wird. Die Magie erreicht das Publikum, das jeden Song mehr bejubelt. "Tightly Unwound", das vorletzte Album bildet mit der aktuellen Scheibe das Rückgrat der Show. Dass "Different world" zehn Minuten gedauert haben soll, kann man hinterher kaum glauben, "All you need to know" ist Honig für die Ohren. Zeit wird ein sehr unwirklicher Begriff im Verlauf des Abends. Alles ist aus einem Guss, selbst wenn Soords Gitarre die schönen Melodien zerschneidet, während er die ganze Breite der Bühne ausnutzt, man weiß ja dass alles wieder gut wird. Als der Sänger nach 90 Minuten ankündigt nur noch ein Lied zu spielen macht sich Enttäuschung laut, niemand will hiervon bereits aufwachen. Dass jener Song aber das 15-minütige Monument "Too much to lose" wird, lässt die Stimmung in Euphorie umkippen. Nach diesem großartigen Brocken kann und muss eigentlich nichts mehr kommen. Aber das Publikum klatscht und schreit sie wieder heraus. Soord schüttelt bei der Rückkehr ungläubig den Kopf und entschuldigt sich dafür kurz seine Gitarre reparieren zu müssen, die es vermutlich bald hinter sich hat. Die ersten Töne von "Nothing at best" lösen Begeisterungsschreie aus. Das epische "Light up your eyes" setzt den endgültigen Schlusspunkt eines Abends, den vermutlich auch die Kurzentschlossenen, die der unbekannten Band eine Chance geben wollten, zu Fans gemacht haben dürfte. Die Erstürmung des Merchandise-standes lässt zumindest darauf schließen.
Manchmal liest man von Konzerten, auf denen nicht viele Menschen waren, aber nach dem alle bedauert werden müssen die nicht dabei waren, weil Magie entstanden war. Das war eines dieser Konzerte.
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