Pearl Jam: Berlin - Wuhlheide (30.06.2010)
„How fragile we are" steht auf einem Gedenkstein im dänischen Roskilde, in dem Ort, das dem jährlichen Roskilde Festival seinen Namen gegeben hat. Er soll an die neun Menschen erinnern, die am 30. Juni 2000 während eines Konzertes in dem Gedränge vor einer der Festival-Bühnen ums Leben kamen. Die Band, die damals spielte – das waren Pearl Jam.Der Unfall machte den Ort auch für Menschen, die sich sonst nicht mit Musik beschäftigten, bekannt und sorgte für verstärktes Sicherheitsbewusstsein sowohl auf Seiten der Veranstalter als auch des Publikums. Und er begleitet die Band bis heute (von den Familien der Opfer ganz zu schweigen). Am zehnten Jahrestag des Unglücks spielten Pearl Jam rund 350 Kilometer südlich in der Berliner Wuhlheide.
Während in Fanforen schon im Vorfeld spekuliert wurde, ob sie Love Boat Captain spielen würden, den Song, der auf das Unglück Bezug nimmt, dauert es an diesem Abend fast zwei Stunden, bis sich Eddie Vedder an das Publikum wendet und an die Situation vor zehn Jahren erinnert, die doch so anders war als dieser Abend in Berlin. Nach einem kurzen Innehalten hat er die Tränen niedergerungen. Er dankt den Familien der verstorbenen Konzertbesucher für ihre Freundschaft und bittet um einen Moment der Stille. Diese Eindrücke überstrahlen einen rundum euphorischen Konzertabend, den die Band aus Seattle zum zweiten Mal binnen eines knappen Jahres in der Wuhlheide verlebt.
Für eines der nur drei Konzerte, die auf ihrer Europa-Tour nicht im Rahmen von Festivals stattfinden, sind die Fans aus ganz Europa angereist. Man hört diverse Sprachen, sieht die Flaggen Irlands, Griechenlands, Italiens, Mazedoniens. Zwei Tschechen im Innenraum können es, ihrem Gesichtsausdruck und dem wilden Wedeln der Fahne nach zu urteilen, gar nicht fassen, dabei zu sein. Einen ersten Blick ins sonnenbeschienene Rund kann Vedder schon werfen, als er für Queens Under Pressure zu Support-Act Ben Harper und seinen „Relentless 7″, die eigentlich ein Trio sind, auf die Bühne stößt. Es ist nicht die letzte Kollaboration des Abends. Später holen Pearl Jam Peter Buck und Scott McCaughey von R.E.M. (die gerade in Berlin ihr neues Album aufnehmen) für eine Cover-Version von Kick out the Jams auf die Bühne. Es klingt ein wenig so, als hätten die seichten Herren „mal wieder rocken“ wollen oder so.
Es ist erfreulich zu sehen, wie gut die zahlreich gespielten Songs des aktuellen, äußerst gelungenen Albums Backspacer ankommen. Überraschenderweise stechen insbesondere die Balladen The End und Just Breathe heraus. Immer wieder reagiert das Publikum mit Laola-Wellen – allerdings ohne, dass Vedder & Co. das Prinzip verstehen, nach dem es eines Startschusses bedarf, damit die Arme am Start der Welle gleichzeitig hochgehen. Was für ein seltsames Bild es für sie sein muss, tausenden Menschen dabei zuzuschauen, wie sie ihre Arme vorstrecken und in Erwartung eines Signals ein gedämpftes „Ooooooh…“ herauspressen – und irgendwann in Ermangelung dieses Signals mehr oder eher weniger koordiniert die Arme hoch- und dann runternehmen. Das kriegt das Publikum alleine vor dem Auftritt deutlich besser hin.
Das sei aber verziehen in Anbetracht vieler Highlights, nicht zuletzt der Songs des Debuts Ten von 1991. Die Hymne Black weiten sie zur fast zehnminütigen Mitschwelgübung aus. Alive darf nicht fehlen und beschließt den Abend, bevor Yellow Ledbetter als Schlusspunkt herhält. Black und Alive sind übrigens jene Songs, die Vedders Ansprache und das im Anschluss gespielte Come Back umrahmen, den Moment der am meisten in Erinnerung bleiben wird.
Eine Presseschau und Fotos findet ihr hier.
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