Rammstein - Rammstein vs. MTV
Autor: Michael Lohrmann
aus VISIONS Nr. 59
Storys Archiv
Zur Vorgeschichte: Ein mehrköpfiges MTV-Gremium kam überein, Rammstein-Videos nicht länger unkommentiert zwischen Madonna oder Take That ausstrahlen zu wollen, da hausintern die Meinung vorherrscht, daß die Clips von einer unbedarften Zielgruppe mißverstanden werden könnten. Der Ursprung dieser These liegt angeblich in verwirrtem bis negativem Zuschauer-Feedback begründet, mit dem der Sender nach Test-Umfragen zum Thema Rammstein konfrontiert wurde. Fortan sollte die Band im MTV-Kontext lediglich im Rahmen einer erklärenden redaktionellen Berichterstattung ein Forum erhalten. Heavy rotation? Ausnahmsweise nicht.
Fernab der befürchteten Zuschauerverwirrung hatte der kleine Rammstein-Boykott aber noch einen anderen Hintergrund. In Zeiten, wo VIVA in Deutschland die Reichweiten-Überhand erlangt, ist Abstand zu zwiespältigen Massenthemen ein durchaus probates Mittel, um Stellung zu beziehen und - im Zweifel - Land gut zu machen. Denn während die Kölner Kollegen, in den Anfangstagen von MTV noch als ‘provinziell’ gescholten, keine Distanz zum Thema Rammstein erkennen lassen und augenscheinlich spielen „was in den Charts gut geht", zwingt sich für MTV die Möglichkeit, Abgrenzung und Eigenständigkeit darzustellen, nahezu auf. Der ethische Firmenkodex soll in Hamburg höher gehandelt werden, das Programm-Niveau sich nicht ausschließlich an erzielten Verkaufszahlen orientieren.
Ein Mitarbeiter, der im Hause MTV die Kontakte zu den Plattenfirmen hegt und zudem für diese Entscheidung mitverantwortlich ist, übermittelte dem Rammstein-Stab die frohe Kunde. Der MTVler, der an dieser Stelle nicht namentlich genannt werden möchte, wurde im Rahmen des Hurricane-Festivals von Seiten der Band gefragt, ob er zu einem kurzen Gespräch bereit sei. Nach seiner Zusage wurde ein Termin im VIP-Zelt anberaumt. Dort angekommen, übermannten vier Rammstein-Mitglieder den ahnungslosen Fernseh-Fritzen, fesselten ihn gewaltsam mit Gaffer-Tape an einen Stuhl, um zum guten Schluß eine Rauchbombe, die sorgsam am Oberschenkel befestigt wurde, zu zünden und den Schemel umzustoßen. Selten so gelacht?
Offenkundig eher weniger, da das gesamte Szenario nach Ansicht des Betroffenen doch bedrohlich real rübergekommen sei. Der MTV-Mitarbeiter spricht im Nachhinein sogar von einer ziemlichen Angst - immerhin hatte ‘das Opfer’ ja keinen blassen Schimmer davon, was sich dort an seinem Bein befand und gerade angezündet wurde. In solchen Momenten vergißt man wahrscheinlich voll und ganz, sich gerade in einem gut gefüllten VIP-Zelt zu befinden, und es so gesehen doch eher unwahrscheinlich ist, daß die erbosten Übeltäter mit scharfen Knallern werkeln... Nun ja. Die Tatsache, von der Rauchbombe mit roter Farbe überzogen worden zu sein, fällt folglich auch weniger ins Gewicht als der Schreckensmoment, nicht einordnen zu können, wie einem geschieht. Nach eigenen Aussagen verursacht das Geschehnis sogar immer noch Nächte, in denen er gar nicht gut schlafen kann. Rechtliche Schritte sollen vorerst jedoch nicht getätigt werden, da man der Band nicht noch unnötig Public Relation zugestehen will.
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