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Radiohead - Das Warten auf die Ruhe nach dem Sturm / Teil I

aus VISIONS Nr. 61 Storys Archiv
Gar nicht cool findet er hingegen die Art und Weise, mit der die allgemeinen Massenmedien, die aber immerhin einen recht großen Anteil an ihrem Erfolg ausmachen, mit ihnen umspringen. Ihn wurmt es, daß man als Band zu einem der Allgemeinheit zur Verfügung stehenden Konsumgut verkommt, dessen Image und die damit einhergehenden spezifischen Charakterzüge nach Belieben modifiziert werden können und aufgrund dessen nicht selten jeglichen Realitätsbezug entbehren. Natürlich ist es nachvollziehbar, daß jede Gazette (ebenso wie jeder Radio- und Musikkanal) über möglichst exklusive Insiderinformationen eines Stars verfügen möchte, um die eigene Credibility und Fachkompetenz auf diese Weise zu untermauern und sich somit von der Konkurrenz abgrenzen zu können. Allerdings ist dieses Reservoir an intimen Exklusivinfos bei einem derart ausgeprägten Medieninteresse, wie es Radiohead derzeit widerfährt, ziemlich bald erschöpft. Die daraus resultierende Konsequenz: entweder wird das bereits mehrfach aufgekochte Infosüppchen ein weiteres mal auf den Herd gestellt (was aber keinem so recht schmecken mag), oder es wird der Phantasie freien Lauf gelassen, um sich mit zwar ungleich brisanteren, aber eben nicht der Wahrheit entsprechenden Sensationen brüsten zu können. Diese ‘fiktiven Tatsachen’ begegnen Thom inzwischen nahezu täglich und lassen sich auch verschmerzen, solange ihr Inhalt eher trivialer Natur ist. Immer häufiger jedoch nehmen diese Hirnergüsse schreibgewandter, als Journalisten getarnter Geschichtenerzähler untragbare Formen an, wie zuletzt, als britische Printmedien dem Sänger eine kurz vor ihrer Realisierung stehende Selbstmordsehnsucht andichteten - eine aus akutem Streß resultierende vorübergehende Unpäßlichkeit wurde hier zugunsten eines reißerischen Aufmachers vorsätzlich mißdeutet. Inwieweit hat sich sein Verhalten gegenüber den Medien durch diese Erfahrungen verändert?
„Ich lasse sie inzwischen einfach so wenig wie möglich über mich wissen. Ich denke, es war ein grundlegender Fehler meinerseits, anzunehmen, man könnte sich auf diese Weise zu gewissen Standpunkten bekennen oder sich erklären. Du brauchst dir doch nur einmal anzusehen, wie willkürlich diese ganzen Revolverblätter mit dem Tod von Lady Di umgehen, und das, obwohl sie eine durch und durch öffentliche Frau war, die wie kaum eine andere versucht hat, ihr Handeln, ihre Gefühle, ihr ganzes Leben den Medien zu erklären. Ich habe keine Ahnung, wie viele verschiedene `endgültige Wahrheiten` ich schon über Radiohead gelesen habe, die absolut gar nichts mit uns zu tun haben. Wenn ich also hingehen und ihnen wirklich die Wahrheit über uns erzählen würde, so ginge diese `wahre Wahrheit` in dem Wust von `falschen`, also erfundenen Wahrheiten völlig unter und könnte nur ein paar kleine unbedeutende Details zu der großen, künstlichen Medien-Gesamtwahrheit hinzuaddieren. Insofern ist es auch völlig irrelevant, ob du mißverstanden wirst oder nicht, denn diese `Medienwahrheit` fernab aller Tatsachen hat ein derartiges Eigenleben, daß du sie sowieso nicht bewußt steuern kannst. Es ist eine zwiespältige Angelegenheit: auf der einen Seite mußt du zwar notgedrungen mit ihnen zusammenarbeiten, auf der anderen Seite darfst du sie aber auch nicht zuviel über dich wissen lassen."

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