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Radiohead - Das Warten auf die Ruhe nach dem Sturm / Teil I

aus VISIONS Nr. 61 Storys Archiv
Radiohead
Mit herausragenden Platten ist es wie mit gutem Wein: Wahrscheinlich läßt sich schon beim ersten Probieren feststellen, ob das entsprechende Konsumgut besser ist als andere. Ob es sich allerdings um einen wahren Klassiker handelt, zeigt sich zumeist erst nach reiflichem Antesten und ausgiebigem Genuß. „OK Computer", die aktuelle Weinrebe Radioheads, scheint sich zusehends als der ultimative musikalische Beaujolais-Jahrgang der 90er Jahre zu behaupten.
Eigentlich sollte man vorsichtig sein mit dem Gebrauch des Attributes ‘All Time Favourite’, denn es liegt in der Natur der Sache, daß es von eben solchen nicht allzu viele geben kann. Ein jeder Musikbegeisterte hat einige wenige Alben dieser Art, die man immer und immer wieder aus dem Regal zieht, weil sie im Lauf der Jahre und mit jedem Hören nicht etwa langweiliger, sondern kontinuierlich besser werden und an Größe gewinnen. Die Bezeichnung für eine solche Platte ist zu ultimativ, zu final, zu wichtig, um damit die x-beliebige Veröffentlichung einer Band auszustatten. Dies ist der heilige Gral, der Supercup, das Tüpfelchen auf dem i, das Non-Plus-Ultra, der Logenplatz im Musik-Olymp. Rien ne vas plus - nichts geht mehr. Welcome to Rock’n’Roll-Heaven.
Radiohead, „die schüchternsten, coolsten und smartesten Megastars des Planeten" (NME), „die größte Band seit den Beatles" (Mojo), „die ultimativen Popstars" (Q Magazine), die Band, „die so gut ist, daß sie mir Angst machen" (REM’s Michael Stipe), scheinen mit „OK Computer", da ist sich die globale Musikpresse ausnahmsweise mal einig, ein solches Album erschaffen zu haben. Die wahre Größe und Genialität dieses akustischen Ausnahmezustandes offenbart sich, wie bereits erwähnt, nicht sofort und unmittelbar. Diese Bombe explodiert nicht mit einem lauten Knall, um anschließend sang- und klanglos zu verpuffen, sie zündet stufenweise. Ihre Detonationskraft ist dafür umso gewaltiger.
Du hörst das Album einmal und befindest das durchaus gefällige, aber trotzdem nicht wirklich eingängige Stück gitarrenbetonter Musikgeschichte für okay. Du hörst es ein weiteres Mal, und ein gewisser Wiederkennungseffekt stellt sich ein, der ein tiefergehendes Interesse weckt. Du gibst dich „OK Computer" zum fünften Mal hin und beginnst plötzlich, einzelne Lieblingssongs zu entdecken, auch wenn dir die recht komplexen und nuancenreichen Songstrukturen mitunter noch etwas fremdartig und manche Melodien vielleicht einen Hauch zu schwülstig anmuten. Kein Wunder, dies ist echte Gänsehaut-Musik voller Klangfacetten, deren unterschwellige Brillanz im kompositorischen Detail steckt. Eben jene beginnst du ab dem zehnten Durchlauf zu entdecken, doch dann ist es sowieso zu spät, es ist längst um dich geschehen. Dein Ohr hat sich unwiderruflich in einem klebrigen Spinnennetz der verklärten Schönheit verstrickt. Die Melodien lassen dich nicht mehr los. Sie haben sich in deinem Kopf eingenistet, sind omnipräsent, nachts träumst du von ihnen, noch Tage später geistern sie in den hintersten Winkeln deiner Hirnrinde. Jeder einzelne Song wird zu einem Lieblingssong. Für einen kurzen Augenblick steht die gesamte Musikwelt still, und du weißt, du hältst einen Klassiker in den vor lauter Ergriffenheit schweißnassen Händen: „OK Computer" ist ein Album für die Ewigkeit.

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