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Will Oldham - Pandoras Boxer

Autor: Markus Hockenbrink aus VISIONS Nr. 193 Storys Archiv
Will OldhamEr trägt den ominösen Decknamen Bonnie „Prince“ Billy, sieht aus wie aus einer Wurzel geschnitzt und schreibt Songs, die selbst Johnny Cash zum Weinen brachten. Sein neues Album heißt „Beware“. Wie viel Angst müssen wir haben?
Einer zumindest hat bereits die Hosen voll. Jeffrey Lewis’ Song „Williamsburg Will Oldham Horror“ berichtet davon, wie jemand von Will Oldham in der U-Bahn vergewaltigt wird, nachdem er ihm eine falsche Frage gestellt hat. Musikjournalisten mögen den Song in der Regel, weil ihnen ihr Job dadurch gefährlicher vorkommt. Obendrein terrorisiert der echte Will Oldham seine Umgebung schon seit geraumer Zeit mit guter Musik, und in Person wirkt der Mann, der anderer Leute Albträume bevölkert, trotz aller lyrischen Gewaltbereitschaft eigentlich recht umgänglich. „Meine Großmutter hat immer gesagt, man soll sich passend kleiden – du siehst hier also gerade eine ausgeklügelte Farbkoordination am Werk.“ Oldham guckt an seinem Bauch herunter. Die graue Hose ergänzt sich vorzüglich mit dem Hemd in gebrochenem Weiß, das wiederum den roten Bartzopf bestens zur Geltung bringt. Ein Gesamtkunstwerk, in dem er rüberkommt wie ein Gentleman aus dem Süden. Den Aufzug bezeichnet der Sänger als seine Interview-Kluft, nicht zu verwechseln mit der Privatgarderobe oder dem Bühnenoutfit, alles eine bewusste Unterscheidung.

„In den USA gab es eine Kindersendung im Fernsehen, ‚Mister Rogers’ Neighborhood‘, die mich in dieser Hinsicht sehr beeindruckt hat. Am Anfang kommt Mister Rogers immer nach Hause und zieht sich als Erstes etwas Bequemes an, während er die Erkennungsmelodie singt. Das hat mir schon als Kind gezeigt, dass es wichtig zu sein scheint, sich dem Anlass gemäß zu verwandeln.“ Oldham fängt an, Mister Rogers’ Begrüßungssong zu singen, und dabei ereignet sich gleich die nächste Verwandlung. Der scheue Songwriter, der im Gespräch zu nervösem Lachen und unwillkürlichem Stottern neigt, wird plötzlich zu Bonnie „Prince“ Billy, dessen brüchige Stimme einem simplen Kinderlied gleich mehrere verschiedene Bedeutungsebenen auf einmal unterjubelt. Dieses Kunststück lässt sich auch auf „Beware“ bewundern, einem weiteren Karriere-Highlight des Country-Poeten, auf dem sich Liebe und Tod mal wieder in den Armen liegen, als gäbe es kein Mittelding. Im Unterschied zu früheren Veröffentlichungen ist das Album praktisch durchweg entlang seiner Melodien gesungen, luxuriös ausarrangiert und von einer Gelassenheit durchflutet, die für Oldham-Verhältnisse fast schon an Heiterkeit grenzt.

Der Sänger gibt zu, dass er in seinem persönlichen Weltbild sicherer geworden sei, was auch mit zunehmendem Alter zusammenhänge. „Ich habe das Gefühl, nicht mehr so wegsehen zu können wie früher“, sagt er. „Nur was meine eigenen Schwächen oder die von Freunden angeht, bin ich immer noch nicht klarsichtig, weil mein Unterbewusstsein das wohl nicht zulässt. Gleichzeitig ist es wesentlich toleranter geworden als etwa vor zehn Jahren. Es hat den Anschein, als würden das Gute und das Böse die Seele mit der Zeit zu einer Art Schwamm zusammenstauchen, der in erster Linie an der Aufnahme neuer Eindrücke interessiert ist.“ Oldham macht den Eindruck, als habe er sich mit philosophischen Überlegungen dieser Art bereits etwas gründlicher auseinandergesetzt und als sei er sich der Kompetenz, die ihm darin nachgesagt wird, bis zu einem gewissen Grade auch bewusst. Auf die Frage, ob ihn seine Berufung als Songwriter auf diesem Gebiet für eine Art Autorität prädestiniere, scheint er gewartet zu haben. „Ich hoffe, ich bin in irgendeiner Disziplin eine Autorität. Was den Job angeht, kann ich nur sagen, dass das Gute daran ist, dass ab einem bestimmten Punkt die schrecklichen Dinge im Leben zu Musik werden. Das gibt einem das Gefühl, etwas beinahe überwinden zu können und in eine musikalische Kraft zu verwandeln. Idealerweise auch in meinem eigenen Leben. Wenn Aggression und Depression schon existieren müssen, kann man sie so vielleicht in eine musikalische Form übersetzen. Und ich frage mich schon, was wäre, wenn es durch irgendeinen Übersetzertrick dem Zuhörer anschließend genauso ginge? Wenn Musik zu einem Aufbewahrungsgefäß für Angst und Hass werden könnte, zu einem sicheren Ort für Depression und Verlust? So dass man als Hörer all diese Gefühle an die Musik abgeben kann, die dann einfach weiterexistiert, wie ein Safe für Leid. Das ist so ein Traum von mir.“

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