Ein kanadisches Ehepaar nimmt die EU-Erweiterung ernst und fährt hin, wo andere weg wollen.
„Manchmal frage ich mich schon, warum so wenige Bands aus dem Westen nicht einfach mal durch den Osten touren“, sagt Dan Boeckner und lächelt unschuldig. Er ist nicht nur Mitglied der unvergleichlichen Wolf Parade, sondern auch so etwas wie der kanadische Goodwill-Botschafter in Sachen Rock’n’Roll, wenn er nicht gerade auf die Hauptband hören muss. Zusammen mit seiner Frau Alexei Perry betreibt er nämlich auch noch die Handsome Furs, ein minimalistisches Krawall-Duo mit Ostblock-Fetisch, das sich in letzter Zeit neue Fans in Estland, Polen, Russland und Serbien erspielte. Die volle Punktzahl ging dabei an das enthusiastische Publikum, das noch die abgewracktesten Schuppen in Festsäle verwandelte. Die örtlichen Autoritäten konnten dagegen weniger begeistern. Boeckner berichtet von Mafia, Korruption und Fantasiesteuern, die immerhin den Albumtitel inspirierten: „Face Control“, Gesichtskontrolle. Das sonnige Gemüt ließen sich die beiden dadurch offenbar nicht nehmen. „Belgrad fällt gerade auseinander“, strahlt Alexei, „dort herrscht ein absolutes Minimum an Law & Order. War aber trotzdem lustig.“ So sieht sie auch aus: Alexei ist genau wie ihr Mann mit Tattoos übersät, nur dass seine wie ungelenke Skizzen für ihre wirken. Vor zwei Jahren feierte das Traumpaar Hochzeit im heimischen Montreal, nun wollen die beiden einen Kulturaustausch mit Belgrad ins Leben rufen. Der Kontrast könnte kaum größer sein. „Montreal ist eine Idylle. Es ist billiger als New York, aber dieselben Bands spielen hier, und wenn man die Fenster offen lässt, kommen zahme Eichhörnchen rein.“ Manchmal fragt sich wohl auch Dan Boeckner nicht, warum so wenig Bands aus dem Westen durch den Osten touren.