Deutschlands vielleicht wichtigste Band "zwischen den Szenen" im Wechsel der 80er zu den 90ern waren JINGO DE LUNCH aus Berlin. Turbulente Zeiten, turbulente Geschichte, turbulente Auflösung. Jahre nach dem Split kommt es nun zum Klassentreffen mit Fans und Wegbegleitern.
Anfang 1987 in Kreuzberg gegründet, kamen alle fünf Mitglieder von Jingo aus einer irgendwie linken Musikszene, darunter Bands wie Vorkriegsjugend (Gitarrist Sepp Ehrensberg), Zerstörte Jugend (Gitarrist Tom Schwoll), Mansons Youth (die beiden zusammen mit Sängerin Yvonne Ducksworth) und (nein, diesmal ganz ohne Jugend) Combat Not Conform (Yvonnes andere Band). Was Jingo De Lunch, komplettiert durch Henning Menke am Bass und Schlagzeuger Steve Hahn, so einzigartig machte, war vielerlei Spielarten des Rock-Underground zu einen: US-Hardcore der 80er Jahre, klassischer Rock’n’Roll, der bessere Metal und selberdenkender Punk alter Schule. Ein auch im Erscheinungsbild der Band abzulesender Crossover der besonderen Art. Zwei Gitarren, die sich in Melodieführung und Basisarbeit unglaublich gut auf ihre Rhythmusgruppe verstanden, und über allem der fordernde, mutige und waghalsige Gesang von Yvonne Ducksworth, der extrem charismatischen "kanadischen Amerikanerin". Als wären Thin Lizzy oder Iron Maiden mit den Subhumans, Bad Brains und einer Bay-Area-Band im Gepäck auf Tour.
Schon im Gründungsjahr 1987 erscheint mit dem Debüt "Perpetuum Mobile" ein Album, das auch heute noch zu Recht als eine der wichtigsten Hardcore-Platten (mindestens) Europas zu handeln ist. Hier ging alles. Ideen schossen kreuz und quer durch den Raum, fordernd und gleichsam leicht, immer aber direkt zwischen die Augen, mitten ins Hirn. Auch textlich funktionierten Jingo so. Yvonnes Lyrics waren Einträge ins Persönlichkeitstagebuch ihrer eigenen Psychotherapie, aus der man weltverbessernde Lehre ziehen konnten – wenn man denn wollte.
Es folgten die grenzgeniale EP "Cursed Earth" und schon Anfang ’89 das Album "Axe To Grind", ihr Durchbruch. AC/DC auf Ecstasy. Touren mit den Bad Brains, Ramones und später gar den Toten Hosen. Kein Festival ohne Jingo. Das unvermeidliche Majordebüt, "Underdog", folgte bei Phonogram, zwei weitere Alben namens "B.Y.E." und – nach einer kurzen Kreativpause – "Deja Voodoo". "Wir haben zuletzt total verworrene Platten gemacht, wo maximal ein, zwei gute Stücke drauf waren. Auf 'Deja Voodoo' vielleicht fünf. Echt zu wenig", schätzt Tom Schwoll das musikalische Schlingern zum Karriereende heute in einer Kreuzberger Kneipe ein. Nach den üblichen Reibereien verließ er 1994 jene Band, die es zwar noch einmal mit einer Tour ohne ihn versuchte, aber letztlich einsehen musste, was Yvonne in einem Interview mit einem brasilianischen Zine so beschrieb: "Jingo was going to be the five of us or no Jingo."
Im Sommer 2006 dann waren sie aus einer Bierlaune heraus wieder jene fünf und spielten zwei vielumjubelte Shows im Berliner White Trash. "Warum macht man so was? Wir sind nie auf Klassentreffen gegangen, klar, aber das war der zaghafte Versuch, zu Besuch auf sein eigenes Leben zu kommen. Eine Zeitreise mit den gleichen Protagonisten wie vor 20 Jahren. Meine Ansage aber war, wir spielen nur die ersten drei Platten, die ich persönlich als die kreativste Phase von Jingo De Lunch sehe. 28 Stücke, die in gerade mal 15 Monaten nach Gründung aufgenommen wurden. Eine echte Kreativexplosion", erzählt Tom und hat ein leichtes Funkeln in den Augen. Und Recht.
Es kam, wie es kommen musste, und nun steht eine ganze Tour an, für die man dem Rockgott danken muss, passend zur die frühen Jahre abdeckenden "The Indepent Years"-Best-Of-Veröffentlichung. "Ich bin schon froh, dass unser unrühmlicher Abgang jetzt geradegebogen wird. Und natürlich spekuliere ich auch ein bisschen darauf, dass es eventuell noch mal weiter geht", sagt Tom. Warum nicht? Ist die Lehre des jüngsten Reunion-Wahns – nach vielen Jahren ohne größere musikalische Revolution ja der Trend der letzten zehn – nicht die, dass man lernen sollte, den Anfang und das Ende einer Gruppe nicht überzubewerten und selbst wegweisenden Bands ein irrationales Leben zuzugestehen, wie man es schließlich ja selbst so oft führt? Zumal es sich hier um die echte Band und nicht nur ein, zwei Übriggebliebene auf Geldsuche handelt? Kaum jemand macht es einem so leicht, diesen Gutmenschen-Gedanken zu hegen, wie Jingo de Lunch. Das sage ich, hoffentlich nicht nur als Fan.