Tocotronic - Sag alles ab
Als Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz 1831 starb, fiel ihm ein Buch aus den Händen, das noch Generationen nach ihm beschäftigen sollte. "Vom Kriege" stand auf dem Einband. Der auf Gemälden charmant bis schüchtern lächelnde Preuße hatte damit ein Werk geschaffen, das mehr Menschen interessieren sollte, als sich der alte Haudegen damals erträumt hätte (falls ihm Napoleon dazu überhaupt Zeit ließ): Militärakademien, Marx und Engels, Schulungen zu Marketing und Unternehmensführung. Und Tocotronic. Ausgerechnet Tocotronic, die sich noch nie auf irgendeine Seite haben schlagen wollen. Doch ihr neues Album heißt "Kapitulation", und die Stücke darauf tragen Namen wie "Wehrlos" und "Aus meiner Festung". Es fallen Begriffe wie "Strategie", "Explosion", "Fesseln", "Feigheit vor dem Feind" – ein Song ruft sogar zur Verschwörung auf. "Vokabeln aus einer kriegerischen alten Sprache" bestätigt Dirk von Lowtzow, dessen Name ja selbst herrlich preußisch klingt und der seine Texte wie geheime Berichte zur Feindbewegung nachts an seine Mitmusiker faxt, bevor auch nur irgendwer zum Instrument greift. Er bestätigt, dass die Stücke über diese Vokabeln miteinander verbunden sind und etwas "Clausewitzartiges" besäßen (womit erklärt wäre, wie wir überhaupt auf den alten Knochen kamen). Und tatsächlich trug der in der Aufklärung rumballernde Clausewitz auch genügend Widersprüche in sich selbst, um auch diese Parallele geduldig mitzumachen. Er war Gegner der Systemmacher, sah seine Theorien um Gottes Willen nicht als konkrete Handlungsanweisungen. Ihm ging es um Prinzipien, und er konstruierte die sogenannten Friktionen. Will heißen: Die Praxis ist nie planbar und sollte so behandelt werden. Jede detaillierte Vorausplanung ist nach ein paar Unwägbarkeiten Müll.
Genauso kann man auch in ein Gespräch mit Tocotronic gehen, diesem zähen Ringen, bei dem man mit Absagen geradezu bombardiert wird. Konkret sprach die Hamburger Gitarren-Guerilla bis zu "K.O.O.K.". Da erfuhr man noch etwas über eine Welt mit bunten Uhren, bekam erklärt, warum sowohl Freiburg als auch Michael Ende eine Ohrfeige verdient hätten und konnte sich mit ihnen über den Begriff "Hamburger Schule" schief lachen. Aber Bier als Pausenbrot war gestern, die Sehnsucht nach einer Bewegung und Sloganizing auch. Tocotronic bekamen Angst, sich zu verheddern, überall zitiert und vor hundert Karren gespannt zu werden. Trotzig waren sie schon vorher gewesen, aber ab "K.O.O.K." hatten sie auch begonnen sich den Erwartungen ihrer Fans zu verweigern. Statt weiterhin Schlachtrufe zu produzieren, zogen sie sich vor allem sprachlich in zunehmende Abstraktion zurück und fanden ihren vorläufigen Höhepunkt mit "Pure Vernunft darf niemals siegen", auf dessen Cover die einzelnen Musiker nur noch durchscheinend zu sehen waren. Es sei der Ansatz dieser Platte gewesen, "einen Dogma-Sound zu kreieren", sagt Dirk von Lowtzow heute. Im Gegensatz dazu ist "Kapitulation" ein deutlicher Schritt auf den Hörer zu. Zurück in die Gegenständlichkeit, allerdings aus ihrer "Festung" betrachtet. "Sag alles ab!", krakeelt es von den Zinnen. Die "Festung", so wird schnell deutlich, ist im Fall Tocotronic eine Trutzburg. Und Clausewitz? Hätte der nicht etwas anderes im Sinn gehabt, als sich die "Kapitulation" direkt auf die Fahnen zu schreiben? Ist es nicht der Anti-Clausewitz, der hier zu uns spricht? Von Lowtzow lacht amüsiert. "Anti". Schon wieder eine Absage. Sehr schön, so können wir weitermachen.
"Wir sind allgemein nicht so Freunde des Campings." (Arne Zank)
Einer freilich steht nicht vor dem verschlossenen Tor der Trutzburg Tocotronic: Produzent Moses Schneider. Zum zweiten Mal seit "Pure Vernunft..." gewährte die Band ihm Einlass ins Innerste und ließ ihn an den neuen Song- und Textentwürfen teilhaben, weitestgehend also an den Demos Dirk von Lowtzows, dem Rohentwurf von "Kapitulation". Schneider bedankte sich für so viel Vertrauen, indem er Tocotronic wiederum sein Innerstes aufschloss – den "Transporterraum" in Berlin, an dessen Wänden noch der frische Schweiß der Beatsteaks klebte, die hier im Studio eben erst ihrem "Limbo Messiah" das Tanzen gelehrt hatten. Ein wohl robusterer Job für Schneider, der nun mit Tocotronic seinen ganz ähnlichen Hang zum Einigeln und Tüfteln auszuleben begann. In einem Buch über Alfred Hitchcock hatte er vom "Vertigo"-Effekt gelesen, einem so simplen wie genialen Kameratrick, der Hollywood 1958 nicht weniger als auf den Kopf stellte: Um das Leitmotiv des Films, den Höhenschwindel, wirkungsvoll in Szene zu setzen, ließ Hitchcock die Kamera auf Schienen ein Treppenhaus hinauffahren, während sie nach unten in den Schacht filmte und gleichzeitig heranzoomte. Ein Ringen aus Close-up und Totale, das auf der Leinwand ein waberndes, verzerrtes Bild ergab. Schwindelerregend, dachte Schneider – und übersetzte den Effekt auf Tocotronic und die Rockmusik, indem er mit den Studiomikrofonen tat, was Hitchcock mit den Kameras getan hatte: positionierte sie weiter von den Instrumenten weg als üblich, glich das aber durch eine höhere Aufnahmelautstärke aus. "Darum klingt das Album an vielen Stellen so herrlich dreckig", sagt Rick McPhail, "Moses hat die Mikros derart übersteuert, dass kein Mischer der Welt da noch etwas hätte rauspolieren können."
Dreckig, spröde, laut. Neue Lieblingswörter im Tocotronic-Vokabular 2007. Jan Müller sagt: "Mehr als jede andere Band uns beeinflusst hat, haben wir uns selbst beeinflusst; hat unser letztes Album unser neues beeinflusst. Was uns in letzter Zeit live viel Spaß gemacht hatte, wollten wir nun im Studio fortsetzen: lauter werden, ausufernder mit den Gitarren werden." Da ist es praktisch, einen wie Rick McPhail in der Band zu haben, den Dirk von Lowtzow als ideale Ergänzung "zu meinem eher Folk-geprägten Gitarrenspiel" adelt. Den Verstärker als Instrument begreifen – das ist ein Grundsatz des Rockmusikers McPhail. Ein zweiter: "Welche Gitarre ich spiele, ist mir egal. Die Effekte sind entscheidend." Kein Wunder, möchte man meinen, dass Tocotronic zu Festivalauftritten regelmäßig ohne Instrumente anreisen und sie sich bei Bands zusammenborgen. Doch das hat andere Gründe. Logistische. Ideologische. Müller: "Wir mögen Reisen im Nightliner nicht, ich werd da klaustrophobisch." Zank: "Wir sind allgemein nicht so Freunde des Campings." Von Lowtzow: "Unvergessen auch, ich im Opel Corsa bei Rock am Ring. Nee. Da leihen wir uns lieber das Equipment vor Ort und fliegen auch mal." Haben 14 Jahre Tocotronic an der Tourmotivation genagt? "Na ja, es kann schon strapaziös werden. Die viele Fahrerei, die zugigen Hallen... Versteht mich richtig, ich will das Livespielen nicht verdammen, ich mag es ja. Was mir aber gegen den Strich geht, ist diese extreme Aufwertung von Konzerten seit dem Niedergang der Plattenindustrie, so: Jetzt müssen alle live spielen, damit verdient man sein Geld, das ist das Wahre. Ist es nicht. Im Zweifelsfall ist es spannender, wie Glenn Gould zu sagen: ,Ich bin der größte Klaviervirtuose der Welt, aber ich trete nicht mehr auf, weil es mich langweilt.‘ Das finde ich künstlerisch fantastisch. Live zu spielen ist immer die Reproduktion von etwas, das schon existiert. Man gibt den Leuten, was sie wollen. Dagegen ist das emanzipative Potenzial im Studio enorm, wo man nicht beäugt wird und allein in seiner Festung frickeln kann."
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Es ist ein heißer Sommervormittag, an dem uns TOCOTRONIC in einem Kölner Café erklären, dass sich Rock über Ablehnung und dem Streben nach Autarkie definiert. Demnach wären Tocotronic eine beinharte Rockband. Sie winden sich aus jedem Griff der Vereinnahmung und den Versuchungen der Altersmilde. Ihre Kapitulation ist ein Täuschungsmanöver, die erste Single "Sag alles ab" musikalisch eine falsche Fährte. Das mit der Absage ziehen die vier gnadenlos durch. Harmonie als Strategie? Von wegen.





