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Cursive - Die Zauberer von Omaha

Autor: Jochen Schliemann aus VISIONS Nr. 162 Storys Archiv
CursiveCURSIVE bleiben nach langem Hadern Omahas Rockzentrum und manifestieren sich als (Alb-)Traumfabrik, die Fragen aufwirft, die manche lieber nicht hören. Aber so war es immer: Die einen laufen weg, die anderen schreien, und manche schreiben Märchen über Religion, Sex, Moral und eine Stadt. Willkommen in "Happy Hollow".
Dorothy und ihr Hund schafften es nicht mehr rechtzeitig in den Schutzkeller, bevor der Wirbelsturm die Farm ihrer Eltern in Kansas erfasste. Stunden später landen die beiden samt Haus hier, im Land der Munchkins. Ihre Heimreise wird zum Abenteuer, in dem sie viele wundersame Weggefährten treffen, die sie immer wieder an ihre Bekannten zuhause erinnern. Und der Zauberer von Oz, der sie den Weg zurückführen soll, dieser so mächtige Magier, entpuppt sich als weiser, alter Mann, der einst mit einem Fesselballon von Omaha hierhin reiste.

Das Märchen "Der Zauberer von Oz" des US-Schriftstellers Lyman Frank Baum erschien im Jahr 1900 und ist in seiner Heimat so bekannt wie "Hänsel und Gretel" im deutschsprachigen Raum. Für viele allerdings gilt Baums Geschichte als eine Art Alternative zu den meisten US-Kinderbüchern, die oft eine kleingeistige Moral vertreten und belehren. Andere fanden die Geschichte von Dorothy nicht so toll. Vor gerade mal 20 Jahren erklärte ein Richter in Tennessee den "Wizard Of Oz" als antichristlich. Gute Hexen etwa, wie sie in dem Buch vorkommen, kenne die Bibel nicht. Zudem könnten Intelligenz, Liebe und Mut nicht wie in "Oz" vom Individuum selbst entwickelt werden, sondern seien allein gottgegeben. Wiederum andere, in diesem Fall Psychologen, entwickelten anhand des "Zauberer von Oz" das so genannte "Dorothy-Muster". Es steht für einen psychologischen Wandlungsprozess, den Frauen mittleren Alters angeblich häufig erleben: das innere Entfernen von den sie bisher dominierenden Werten, Systemen und Kulturen. Ach ja, und natürlich behaupten auch immer wieder Menschen, Pink Floyds "Dark Side Of The Moon" sei eine sekundengenaue Vertonung der berühmten Verfilmung "Der Zauberer von Oz" von 1939. Die Liste der extremen Reaktionen ist lang. Selbst eine inzwischen alte Poprockband benannte sich nach diesem Märchen, genauer gesagt nach Dorothys Hund: Toto.

Und nun, im Jahr 2006 sinniert Cursive-Kopf Tim Kasher irgendwo in Amerika in einem Van zwischen zwei Auftrittsorten am Handy: "Amerikaner werden so erzogen. Sie denken: ‚Wenn ich jeden Tag nach bestem Gewissen handle, bekomme ich ein Stück vom Wohlstandskuchen ab.‘ Und Dorothy fragt sich eben in diesen beiden Songs: ‚Wo ist mein Stück?‘ Ich denke, dass jeder in bestimmten Momenten seines Lebens begreift, dass er in einer Sackgasse steckt. Dass seine eigentlich unzweifelhaften Werte zweifelhaft sind. Du wachst einfach kurz auf und begreifst es. Viele können dann natürlich nicht anders, als möglichst schnell in das Nest des täglichen Lebens zurückzukehren." Dann wird es kurz still. Für einen Moment scheint die Leitung tot. "Ja, die Verbindung zum ‚Zauberer von Oz' ist offensichtlich."

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