Progressive Rock ist schon lange kein Kontaktsport mehr: O.S.I. treten den Beweis an.
In keinem anderen Rock-Genre wurde traditionsgemäß soviel experimentiert, kollaboriert und ausprobiert wie im
Prog. Doch wer glaubt, die klassische Supergruppe sei ein Ding der Vergangenheit, hat sich offenbar lange nicht
mehr in dieser Spielart umgetan. Wie zu Zeiten gefeierter Combos à la Yes, King Crimson oder Emerson Lake &
Palmer schließen sich die Ausnahmekönner der Zunft auch heute noch fleißig zu immer neuen Konstellationen
zusammen. Das momentan umstrittenste All-Star-Projekt dieser Richtung nennt sich Office of Strategic Influence,
kurz O.S.I., und hat gerade mit "Free" seine zweite CD herausgebracht. Mit dabei sind Armored-Saint-Bassmann Joey
Vera und Dream-Theater- bzw. Transatlantic-Drummer Mike Portnoy. Die Köpfe von O.S.I. sind jedoch Gitarrist Jim
Matheos von Fates Warning sowie Keyboarder Kevin Moore, das Mastermind von Chroma Key. Gemeinsam zerren sie an
den Grenzen des Genres und wagen sich nach einem eher metallischen Debüt (2003) an New-Waviges, in Ambient- und
sogar Electronika-Bereiche vor."Zunächst sollte O.S.I. ein Soloprojekt werden, und ich wollte von Kevin nur ein
paar Soundideen schnorren", erinnert sich Matheos an die Anfänge. Herausragende Stücke wie "Go" oder "Home Was
Good" entstanden aber nicht, wie in den Siebzigern üblich, bei Mammut-Sessions unter Drogeneinfluss, sondern auf
zwei Kontinenten gleichzeitig. "Kevin lebt die meiste Zeit in Istanbul, während ich hier im Herzen der USA sitze.
Ich maile ihm meine Ideen und gehe ins Bett. Meist habe ich am nächsten Morgen bereits eine Antwort in der
Mailbox. Kürzlich hat er mich für eine Woche besucht, und wir versuchten, gemeinsam zu tüfteln. Schon am Abend
war ich allerdings allein bei der Arbeit, und er machte sich erst am nächsten Morgen an meine Vorlagen. Ich weiß,
das mag unpersönlich klingen, ist aber die künstlerisch aufregendste Kooperation meiner bisherigen Karriere,"
schwärmt der Gitarrist.