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Mike Patton - Von der Schwierigkeit, einfach zu sein

Autor: Oliver Uschmann aus VISIONS Nr. 159 Storys Archiv
Mike PattonMan könnte meinen, dass MIKE PATTON sich jedes Mal ins Fäustchen lacht, wenn er eine neue Platte aufnimmt. Die ratlosen Gesichter der Hörer vor Augen, sich labend an der Irritation. Aber so ist er nicht. Seine Experimente sind keine Mission, keine Erziehungsmaßnahme für mündige Hörer. Er spielt, was ihm in den Kopf kommt, genießt künstlerische Freiheit und findet mit PEEPING TOM wieder zur eingängigen Form zurück, ohne Niveau einzubüßen.
Angedeutet hat er es schon vor zwei Jahren, am Telefon. Da sprach man noch über "Suspended Animation", das vierte Album von Fantomas, diesen hyperaktiven Cartoon-Knubbel, der in seiner hektischen Collagentechnik schon den "Normalzustand" Pattonscher Ästhetik darstellte. "Die wahre Herausforderung", sagte er damals, "liegt darin, einen guten Popsong zu schreiben. Daran arbeite ich gerade." Was die Frage aufwirft, was ein Popsong ist und was ein versierter Rockavantgardist wie Patton mit diesem Begriff bezeichnet. Pop ist schließlich alles, von US5 bis Madonna, von Big Brother-Maxi-CDs bis zum verspielten kleinen Indie-Lied, das keine verzerrten Gitarren benutzt. Für Patton ist Pop – im Gegensatz zu seinen Ausflügen ins Extreme und Experimentelle – "die klassische Form Strophe-Refrain-Strophe" und gut ist er dann, wenn er einfach klingt, aber komplex ist. Wenn eine einfache, eingängige Oberfläche ein dichtes Geflecht musikalischer Tricks und Kniffe verbirgt. Wenn Können nicht ausgestellt, sondern raffiniert verwendet wird.

Mike Patton: Im Rahmen der Popmusik ist eine Menge Raum, wirklich Interessantes zu schaffen. Komplexe, mehrfach geschichtete Sachen zu machen, die dich anlocken und zugleich in die Irre führen und auch ein wenig verstören. Es ist schwer, etwas zu schreiben, das eingängig ist. Eingängigkeit ist ohnehin ein vages Konzept. Damit zu spielen, macht Spaß.

VISIONS: Guter Pop versteckt also eine Komplexität, die der Nicht-Musiker nicht klar definieren kann, die aber vorhanden ist. Auf der anderen Seite bedeutet Pop Überrumpelung. Pop überwältigt...

Patton: ... und "unterwältigt" (lacht). Ich stimme zu. Man kann im Kontext des klassischen Songformats auf so vielen Ebenen operieren. Ich habe es auf dem Rockweg getan, auf experimentellen Wegen. Mit Peeping Tom wollte ich ein paar elektronische Wege und andere Zweige der Popmusik austesten. Bedeutet: Ein Album voller Gäste aus Hiphop, Triphop, Electronics und Dub, Könner und Innovatoren ihres Fachs. Massive Attack, Dan The Automator, Kool Keith, Kid Koala, Bebel Gilberto, Amon Tobin und einige Musiker des Anticon-Labels, dem wichtigsten Kreativlabor für die Weiterentwicklung von Hiphop als Kunstform. Manches klingt erwartbar und malmt sich atmosphärisch nach vorne, vieles überrascht. "Your Neighbourhood Spaceman" hätte als Kooperation mit den Anticon-Künstlern Jel und Odd Nosdam zu ausgefranstem Kraut-Hop werden können, ist aber eine straffer, melodischer Song, der ebenso wie "Mojo" (feat. Rahzel & Dan The Automator) und "We're Not Alone" (feat. Dub Trio) so sehr nach dem alten Mike Patton der Faith No More-Phase klingt, wie es niemand mehr für möglich gehalten hätte.

Patton: Dabei ist "Not Alone" nicht einmal mein Song. Das Dub Trio hat ihn für ihr Album geschrieben und bat mich, ihn auf ihrer Platte einzusingen. Ich war zunächst skeptisch, denn man weiß ja, wie trippig und effektüberladen ihre Stücke sonst klingen. Und dann das: ein straighter Rocksong. Ich probierte mich daran aus und liebte es am Ende. Es ist eine starke, erhebende Nummer. Dass sie nun auch auf dem Peeping Tom-Album ist, entstand außerdem aus dem Prinzip, das unter uns Musikern gilt: Eine Hand wäscht die andere. Man nimmt bei Gastauftritten oder Kooperationen kein Geld voneinander, sondern merkt sich, wer einem noch was schuldet. Sie schuldeten mir was, fragten, was sie für mich tun könnten und ich sagte: Ich stehle euch diesen kleinen Bastard. Sie sagten zu, ich remixte das Stück und nun ist es eben auch auf meinem Album.

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