The Libertines - Das Leben geht weiter (Interview I)
Autor: Dirk Siepe
aus VISIONS Nr. 138
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VISIONS: Glaubst du, dass die Libertines als Band einen ähnlichen Vibe haben wie The Clash vor 25 Jahren?
Mick
Jones: Es gibt da definitiv bestimmte Ähnlichkeiten, aber auch mindestens genauso viele Unterschiede. Diese Band ist schon sehr gut, aber sie ist noch nicht wirklich bereit. Mit dem neuen Album sind sie wieder ein großes Stück gewachsen, aber sie haben nicht die ideologische Reife, die wir damals bei The Clash hatten.
VISIONS: Was genau meinst du mit 'ideologischer Reife'?
Jones: Wir hatten ein größeres Spektrum an Themen und Stilen, mit dem wir uns auseinandergesetzt haben, und wir wussten viel genauer, was wir mit unserer Musik erreichen wollten. Ohne dass wir überhaupt explizit darüber nachgedacht hätten, wussten wir ziemlich genau, wo wir standen und wo wir hinwollten. Die Libertines haben auch ein Ziel, auf das sie hinarbeiten, aber sie haben noch keine Ahnung, wo dieses Ziel ist. The Clash waren sehr fokussiert, die Libertines sind davon noch weit entfernt. Sie gehen in ihrer Musik zu 100 Prozent auf, aber sie arbeiten nicht so konzentriert und bedingungslos, wie wir das damals getan haben.
VISIONS: Also sind die Libertines eher spontan und sprunghaft?
Jones: Ja, das ist nicht falsch, wobei ich aber die Spontaneität eher zu den Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und uns zählen würde. Aber der Vergleich hinkt sowieso ein wenig, weil wir in ganz anderen Zeiten aktiv waren. Was wir auf jeden Fall gemeinsam hatten war diese Aura des Unvorhersehbaren. Alles ist möglich, auch das Gegenteil des Vorherigen. Es wird auf jeden Fall spannend zu beobachten, wie sich die Band auf ihren nächsten Platten entwickeln wird. Vorausgesetzt, sie schaffen es, die Band über einen längeren Zeitraum zusammenzuhalten.
VISIONS: Die bisherige Laufbahn der Libertines ist von extremen Hochs und Tiefs geprägt. Glaubst du, dass bei dieser Achterbahnfahrt überhaupt Aussicht auf eine längere Karriere besteht?
Jones: Schwer zu sagen. Diese Band hat schließlich mehr Tiefs als Hochs erlebt und ist von einer gefestigten Einheit noch meilenweit entfernt. Aber ich bin trotzdem guter Hoffnung, weil sie noch so jung sind und ihr Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft haben. Sie haben alle Möglichkeiten, die Weichen für eine positive Zukunft zu stellen. Dafür müssen sie ihr Leben aber ganz und gar der Musik widmen und dürfen sich nicht so sehr auf die Nebenerscheinungen des Rock'n'Roll stürzen. Wenn sie ihre Probleme nicht bald lösen, wird auch die Band keine Zukunft haben.
VISIONS: Die Aufnahmen zum zweiten Album gingen relativ schnell über die Bühne. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass die Libertines konzentriert und fokussiert an die Sache herangehen?
Jones: Ja, die Arbeit im Studio war wirklich sehr positiv. Die Jungs hatten sich gut vorbereitet und waren auch mit ganzem Herzen bei der Sache. Das kann man zum Beispiel daran sehen, dass nicht nur jeder seinen Part erledigt hat, sondern auch Interesse zeigte, wenn die anderen an der Reihe waren. Alles war sehr locker und sehr direkt. Die Aufnahmesessions bei The Clash waren meistens wesentlich unentspannter.
"Wenn die Mitglieder ihre Probleme nicht bald lösen, wird auch die Band keine Zukunft haben." (VISIONS im Gespräch mit Mick Jones, Libertines-Produzent und Gitarrist von The Clash)





