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Roskilde Festival - Die Tage vor und nach Roskilde

aus VISIONS Nr. 89 Storys Archiv
Roskilde FestivalIhnen eilt der Ruf voraus, eine der besten Live-Bands überhaupt zu sein und selbst in großen Stadien intime Atmosphäre zu kreieren. Da sich PEARL JAM von jeher lieber rar machten, als ständig unterwegs zu sein, wurden die für diesen Sommer angekündigten Tourdaten euphorisch von den Fans erwartet: Die erste Europa-Tour seit 1996 begann wie ein Triumphzug - und endete kurz vor Schluss in Roskilde in einer Tragödie.
Es ist schizophren: Nachdem sich Pearl Jam nach Jahren der Zurückhaltung endlich wieder den Medien geöffnet haben und sich dort präsentieren, wo sie am besten sind - auf der Bühne nämlich - geschieht die Katastrophe: Am späten Abend des 30. Juni kommen während des PJ-Gigs im dänischen Roskilde acht junge Männer zu Tode, ein weiterer erliegt am 5. Juli im Koma seinen schweren Verletzungen, weitere 40 Fans sind zur Zeit teilweise immer noch in Behandlung. Die Katastrophe, die die untersuchenden dänischen Polizeibehörden in ihrem Abschlussbericht vom 5. Juli als `ein Unglück und keinen kriminellen Tatbestand` bezeichnen, wirft viele Fragen auf: Wie konnte es dazu kommen? Welche Fehler und Unterlassungen gab es? Welche Konsequenzen wird diese Tragödie auf kommende Großveranstaltungen dieser Art haben? Und: Wie sieht die Zukunft von Pearl Jam aus? Die Antworten sind nicht leicht zu finden. Eigentlich war an dieser Stelle eine dreiseitige Story über die Europa-Shows von Pearl Jam geplant. In Anbetracht des Roskilde-Dramas haben wir uns dazu entschlossen, möglichst alle relevanten Aspekte zu beleuchten. Bei der Vielzahl der vorhandenen Informationen kein leichtes Unterfangen, zumal wir uns ganz klar von der Berichterstattung diverser Sensations-Medien abgrenzen möchten. Aber dazu später mehr... Alive 9. Juni, Rock am Ring/Nürburgring (ca. 80.000 Besucher)
Traumwetter am Nürburgring und wahrscheinlich mit das größte Publikum, vor dem die Band jemals aufgetreten ist (die Masse beruhigt sich nach den ersten Songs, trotzdem geht es vor der Bühne mehr als eng zu). Gitarrist Mike McCready gibt hinterher in Hamburg nach der Show befragt zu, er sei doch etwas `nervös` gewesen. Das merkt man der Band nicht an, sie macht einen ungewöhnlich ruhigen, leicht reservierten Eindruck, der sich erst nach einer Stunde nach `Better Man` löst. Vedder versucht sich einige Male auf Deutsch (`Fühlt ihr euch gut?`), genießt offensichtlich die enthusiastischen Reaktionen. `Alive` wird wieder stadionmäßig vorgetragen, Eddie dirigiert die Menge zum Schluss des Songs mit seiner Weinflasche. Mike wächst bei `Yellow Ledbetter` über sich hinaus, will sein Solo kaum beenden, wälzt sich auf dem Boden. Vedder und McCready nutzen als einzige die Laufstege. Insgesamt ein bewegendes Konzert, mit einer auf ein Festivalpublikum abgestimmten Setlist, das durch Nebenerscheinungen wie Wetterleuchten und Halbmond noch magischer wirkt. Vedder bedankt sich, indem er sein Tambourin (nach `Fuckin’ Up`) ins Publikum schleudert. 11. Juni, Rock im Park/Frankenstadion (ca. 40.000 Besucher) Liam Gallagher von Oasis heizt die Menge an, indem er `Wonderwall` Pearl Jam widmet. Ungewöhnlich: Der harte Konzerteinstieg mit `MFC` und `Habit`. Vedder versemmelt die Lyrics zu `Even Flow`, aber das friedliche Publikum nimmt es ihm nicht übel. Bassist Jeff Ament scheint heute beweglicher als am Ring, das Konzert wird wieder nach ca. einer Stunde richtig gut, die Symbiose zwischen Band und Publikum stimmt. Mike McCready gibt an diesem Abend wieder alles, würgt seine selbst-designte Gibson Flying V wie einen Truthahn, und ist auch ansonsten bemerkenswert gut gelaunt. Genau wie Eddie Vedder, der die üblichen zwei Flaschen Rotwein vertilgt und wieder mal mit seinem T-Shirt dem Underground-Urgestein Dead Moon huldigt. Der Song-Cocktail ist an diesem Abend nahezu perfekt und mit drei bis fünf Songs pro Album auch erstaunlich ausgeglichen. Spätestens nach einer fulminanten 10 Minuten-Version von `Rearviewmirror` steht das Stadion Kopf. Die erste Zugabe `Black` wird etwas gekürzt, dafür weiß niemand in der Band so recht, wie `Leaving Here` (erstmals auf dieser Tour im Set) zu spielen ist. Trotzdem retten sich Pearl Jam noch irgendwie ans Ende des Songs. Ein brillanter Festival-Abschluss. 12. Juni, Pink Pop/Heerlen-Landgraaf, Holland (ca. 60.000 Besucher) Sicherlich der ungewöhnlichste Auftritt der gesamten Europa-Tour. Pearl Jam gehen nachmittags um 16.15 Uhr auf die Pink Pop-Bühne. Nach Korn, vor Live und Moby. Der Set ist auch mit 90 Minuten deutlich kürzer als sonst. Die Sonne brennt, die PA ist nicht sonderlich laut. Trotzdem herrscht kein Gedränge. Die Band wird deutlich zurückhaltender gefeiert als Live, die in Holland absolute Stars sind (100.000 verkaufte Alben). Vedder versucht, die Symphatien mit ausführlicheren Ansagen zu gewinnen, u.a. auch über den `anderen Ed, den ich gerade Backstage gesehen habe`. Außerdem widmet Eddie `Light Years` einer holländischen Mitarbeiterin von ‘Epic’, ihrer Plattenfirma, die vor drei Jahren an Krebs starb. Die letzten 35 Minuten des Sets werden im niederländischen TV übertragen, das Radio beginnt die Übertragung schon etwas eher. Durch die kleine Bühne und die äußeren Umstände kommt nicht wirklich die magische Stimmung anderer (Abend)Shows auf, dennoch macht die Band einen sehr zufriedenen Eindruck. 18. Juni, Residenzplatz/Salzburg, Österreich (ca. 9.000 Besucher) Das einzige Pearl Jam-Konzert im Umkreis von Hunderten von Kilometern - das muss jede Menge Leute anlocken. Politische Krise hin oder her - PJ lassen sich im Gegensatz zu anderen Künstlern nicht davon abhalten, nach Salzburg zu kommen. `We don’t wanna punish the people, who most probably didn’t deserve that situation... but we also wanna say that we don’t support that government`, meint Vedder. Danach gibt’s noch ein herzliches `double fuck you` an die richtige Adresse. Vor dem Set von Dismemberment Plan spielt Eddie allein `Throw Your Arms Around Me` (Hunters & Collectors). Die PJ-Setlist ist stark von Songs der beiden Alben `Binaural` und `Vs.` geprägt, und mit `State Of Love And Trust` ist zudem wieder eine echte Rarität am Start. Der Band scheint das Ambiente (die Bühne steht mitten in der Altstadt und die Leute hängen buchstäblich aus den Fenstern) sichtlich zu genießen. Zum Schluss halten sie es mit ihrem Vorbild Neil Young, mit dem sie bekanntlich als Begleitband schon einmal in Salzburg gastierten: Sie spielen `Rockin’ In The Free World`, und verpassen dem Vollmond-Abend damit das ultimative Sahnehäubchen. 25. Juni, Freiluftbühne Wuhlheide/Berlin (ca. 14.000 Besucher) Wieder ein Open Air, diesmal in der schönen Wuhlheide im Berliner Osten. Das Venue ist nicht ganz ausverkauft, aber die Leute gehen trotzdem mit. Besonders im Graben kommt es zu tumultartigen Szenen, als fast jeder der herausgezogenen Crowdsurfer versucht, auf die Bühne zu gelangen. Das Wetter spielt mit, obwohl Vedder sich die Bemerkung `Ist ja fast wie in Seattle` nicht verkneifen kann, weil es noch bis um 19 Uhr wie aus Kannen geschüttet hat. Der Set beginnt um acht und endet um 22.20 Uhr. Es ist immer noch ziemlich hell, aber das stört nicht. Spätestens nach `Even Flow` hat Vedder die Menge im Griff. Es gibt zwar kaum Ansagen (eine wieder auf Deutsch!), aber das ist den Fans egal. Bei `Alive` singt ein 14.000köpfiger Chor, die Neil Young-Einlage nach `Daughter` sorgt ebenfalls für eine weitere Gänsehaut. Nach dem Ende des normalen Sets krempelt Vedder den Zugabenblock um und verteilt eine neue, handgeschriebene Setlist an die Roadies auf der Bühne, trotzdem spielen PJ das auf Handzetteln geforderte `Breath` vom `Singles`-Soundtrack nicht. Es sind erstaunlich viele junge Mädchen vor der Bühne, was besonders McCready öfter eine feistes Grinsen abgewinnt. Ein streckenweise balladeskes Programm, dem Venue angemessen.

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