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Face To Face - Die eigene kleine Punkrock-Fabrik

Autor: Gero Langisch aus VISIONS Nr. 112 Storys Archiv
Face To FaceFACE TO FACE haben während ihrer langjährigen Karriere zehn Alben und unzählige EPs veröffentlicht, fast ein Dutzend Plattenfirmen und nahezu alle Mitglieder der Originalbesetzung verschlissen. Und ganz nebenbei fügten sie der unendlichen Geschichte des Punkrocks auch noch einige wichtige Kapitel hinzu.
Das Problem ist bekannt: Durch die Nichtbeachtung hiesiger Vertriebe und deutscher Dependancen diverser Majors gehen wahre Perlen der Musikgeschichte einfach an uns vorbei. At The Drive-In registrierten viele erst mit "Relationship Of Command", nach den Veröffentlichungen von Frodus oder Converge sucht man außerhalb der großen Städte meist vergeblich und abgesehen von den Spezialisten, deren Brieffreundschaften sich auf die allseits bekannten Mailorder beschränken, wurden die Alben von Face To Face hierzulande von der breiten Öffentlichkeit ignoriert. Verdient hat das die Band sicher nicht und wie Frontmann Trever Keith erklärt, war die ungeklärte Vertriebssituation in Europa auch einer der Gründe für die ständigen Labelwechsel: "Wir wurden immer wieder vertröstet und haben es auf die harte Tour lernen müssen: Das Musikbusiness ist abgefuckt. Aber ich will fair sein - mit uns hat man es sicher nicht einfach. Ich habe nie den `Idiots Guide To Not Get Fucked By The Musicbiz` gelesen, und ein College, wo man das lernen kann, gibt’s auch nicht. Also waren wir ziemlich unbeleckt, als wir die Band starteten. Wir haben uns einfach von Beginn an die Maxime `Put the band first!` gehalten. Da haben die Labels meist nicht mitgespielt, also hieß es oft: there goes the fucking record deal!"
Mit `Vagrant`, einem der größten US-Indies, hofft man nun eine Heimat gefunden zu haben, der die Band eine Weile die Treue halten kann. Vieles spricht dafür. Chef des Ladens ist Rich Egan, seit acht Jahren auch Manager der Band, was für ein Vertrauensverhältnis spricht, das nicht so schnell zu erschüttern ist. Das neue Album "How To Ruin Everything" muss nicht mehr teuer als Import erstanden werden und Face To Face werden es zum ersten Mal seit 1995 auch über den Atlantik schaffen, um einige Festivals und Clubshows in unseren Gefilden zu spielen. Auch wenn `Vagrant` bei den Puristen der Szene und einigen Ex-Bands des Labels nicht ganz unumstritten ist, hat Trever vorerst keine Probleme mit der Doppelfunktion seines Labelbosses. "Seit sieben Jahren verbringt Rich seine Zeit zu einem großen Teil damit, sich mit unseren Plattenfirmen zu prügeln, um die besten Konditionen für uns rauszuholen. Jetzt muss er sich nur noch mit sich selbst rumschlagen."
Aber auch Face To Face selbst hatten schon ihre Probleme mit der Szenepolizei. Genug Angriffsfläche bot sich durch den Wechsel zu immer größeren Labels und besonders durch das an noch melancholischere Social Distortion erinnernde Meisterwerk "Ignorance Is Bliss", mit dem die Band eigentlich alles zu Thema Emo gesagt hatte. Nachdem sie aus "Big Choice"- und "Don’t Turn Away"-Zeiten für ihren straighten, von Stiff Little Fingers und The Clash beeinflussten melodischen Punkrock bekannt waren, sorgte eine solche Entwicklung natürlich recht schnell für die üblichen Sellout-Vorwürfe. Dass diese besonders gern von gelangweilten Kids kommen, die selbst keine Band haben, geschweige denn ein Instrument bedienen können, ändert nichts daran, dass Trever noch immer daran zu knabbern hat: "`Ignorance Is Bliss’ wurde völlig missverstanden. Das Album könnte nicht weiter von dem entfernt sein, was man gemeinhin unter kommerzieller Musik versteht. Es ist perfekt für einen verregneten Tag und ein verregnetes Gemüt. So etwas spielt kein Radiosender. Es war aber sicher nicht fair, unseren Fans so vor den Kopf zu stoßen, denn es war wohl ein sehr egoistisches und introvertiertes Album. Wir hatten einfach nicht bedacht, dass Face To Face-Fans einen bestimmten Sound von uns erwarten und von so viel melancholischen Songs mit recht düsteren, traurigen Texten überfordert sein würden. Man muss sich dessen als Band bewusst sein, auch wenn man sich dadurch einschränkt. Für die Zukunft haben wir beschlossen, Ausflüge in andere musikalische Gefilde einfach unter anderem Namen zu veröffentlichen. Dadurch machen wir es uns und den Fans um einiges einfacher." Unter dem Namen Viva Death soll dann auch ein nach Trevers Aussage "irgendwo zwischen Bauhaus und sehr düsteren Killing Joke" angesiedeltes Album bei `Vagrant` erscheinen, bei dem unter anderem Josh Freese (Vandals, Guns N’ Roses, Mike Ness, Suicidal Tendencies) mal wieder seine Drumsticks mit im Spiel haben wird. Man darf gespannt sein.
Auf das schwermütige "Ignorance Is Bliss" folgte "Standards And Practices", ein Album, das mit den ausschließlich darauf enthaltenen Coverversionen (von Fugazis "Merchandise" bis zum Ramones-Smash "The KKK Took My Baby Away") auch als eine Art Selbstfindungsprozess verstanden werden kann. "Ich fing an, meine alten Punkrockscheiben herauszukramen, und wusste plötzlich wieder, warum es Face To Face gab. Meine eigene kleine Punkrock-Fabrik! Diese Coverversionen einzuspielen, hat mir die Freude an den drei Akkorden zurück gebracht. Legenden wie die Ramones oder The Clash haben Songs für die Ewigkeit eingespielt, ohne einen Gedanken an eine fette Produktion oder irgendwelche Spielereien zu verschwenden. Zu dieser Ehrlichkeit wollte ich auch mit meiner Band zurück." Das folgende Album "Reactionary“ war dann auch ein Schritt zurück in die richtige Richtung. Die zwölf Songs, die übrigens mittels 1,8 Millionen (!) Fan-Votes auf www.facetofacemusic.com aus 16 vorgegebenen Titeln ausgewählt wurden, präsentierten die Band wieder im gewohnten Sound. Knollmann zückte völlig begeistert in VISIONS den "War gut, ist gut, bleibt gut"-Orden und alle hatten sich wieder lieb.
"How To Ruin Everything" dürfte auf ähnliche Reaktionen stoßen. Wieder sind fast alle Songs Punkhymnen im eigentlichen Sinne, straighter und aggressiver als auf den letzten regulären Alben und immer getragen von der unvergleichlichen Stimme Trevers, dessen Vorbilder von Mike Ness über Joe Strummer bis zu Morrissey reichen. Also alles beim Alten? Nicht ganz. Face To Face sind nach acht Jahren mit zwei Gitarristen wieder auf Triogröße geschrumpft, was kein allzu gutes Licht auf den Bandkopf wirft, wechselte die Band in der Vergangenheit doch ihre Mitglieder mindestens so oft wie ihre Labels. Was ist es, das die Kollegen immer aus der Band treibt? Trevor grinst wissend: "Man könnte es einfach machen und die Rechnung aufstellen, dass der einzige `Überlebende` der Originalbesetzung ein Arschloch sein muss. Das wäre dann wohl ich - und den Schuh ziehe ich mir auch an. Ich halte mich zwar für einen netten Typen, meine Aufgabe ist es aber auch, die Band nach vorn zu bringen - und da spiele ich eben manchmal auch den Diktator. Chad, der neben mir bis zum letzten Album die zweite Gitarre gespielt hat, ist aber in Freundschaft gegangen. Er meinte, dass es Zeit für ein bürgerliches Leben mit Familie und langweiligem Job sei - und ist dann einfach gegangen. Wir haben genau fünf Minuten darüber nachgedacht, ihn zu ersetzen, und dann beschlossen, dass Punkrock nur eine Gitarre braucht."
Noch in diesem Jahr wird auf `Kung Fu Records’, dem Label der Vandals, für alle bis jetzt vernachlässigten Fans in Europa eine CD mit Bonus-DVD zum Normalpreis einer CD erscheinen. Darauf werden 25 Songs der Bandgeschichte sowie Filmmaterial und Videos der "First Seven Years Of Face To Face" zu finden sein. Zwar nur eine kleine Entschädigung für ein verlorenes Jahrzehnt. Aber irgendwo muss man ja anfangen.