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Hundred Reasons - Entertainment für die ganze Familie

Autor: Jan Schwarzkamp aus VISIONS Nr. 112 Storys Archiv
Hundred ReasonsIn ihrer englischen Heimat gelten HUNDRED REASONS längst als Hoffnungsträger einer neu erblühenden Rockszene. Nun schickt sich die fünfköpfige Band, die ihre Wurzeln im Punk, Emo und Hardcore hat, mit ihrem Debütalbum an, auch den Rest der Welt zu erobern.
Man erwartet von der englischen Musikpresse nichts Anderes, als jede Woche neue Retter des Rock’n’Roll serviert zu bekommen - besonders dann nicht, wenn es sich um heimischen Nachwuchs handelt. Auch bei Hundred Reasons aus dem kleinen Örtchen Surrey bei London wurde mit Vorschusslorbeeren nicht gegeizt: `NME` und `Guardian Guide` kürten "If I Could" von ihrem Debüt "Ideas Above Our Station" zur `Single of the Week`. Den Gitarristen Paul Townsend freut diese Tatsache, "gerade die Auszeichnung im `Guardian Guide` ist cool, da es sich nicht um ein Musikmagazin, sondern um eine große Tageszeitung handelt". Doch auch die Awards des `Kerrang` gingen nicht spurlos an dem Quintett vorüber - man wurde zur `Best New British Band 2000` gekürt. Hierzulande ist die Band dagegen ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt, schließlich steht das Debütalbum erst seit Ende Mai in deutschen Plattenläden. Doch auch bevor das Album in Angriff genommen wurde, waren die Fünfe durchaus nicht untätig. "Wir spielten früher in anderen Bands, z.B. Floor, die eher in Richtung Pop-Punk, oder Jetpack, die in Richtung Hardcore gingen. Hundred Reasons wurden dann im November ‘99 gegründet und schon kurz danach nahmen wir unsere erste Single auf", erläutert der 23-jährige Paul. Diese erschien auf dem geschmackssicheren Indie-Label `Fierce Panda` (das auch schon mit Frühwerken von Placebo oder Idlewild zu erfreuen wusste) als 7inch in durchsichtigem Vinyl und als "One" betitelte Maxi-CD. 2001 nahm man dann eine Split-EP mit der `Revelation`-Band Garrison auf, betreut wurde man zu dieser Zeit noch von John Hannon, der die ersten Aufnahmen der Jungs produzierte. Hannon selbst ist in einer Band namens Woe tätig, die "pretty jazzy" klingt, wie Paul verrät, und bei `Some Records` unter Vertrag steht, dem Label von Rival Schools-Kopf Walter Schreifels. Ihre Heimat auf diesem Label haben auch die New Yorker Errortype:11, mit denen Hundred Reasons bereits großflächig das vereinigte Königreich betourten. "Wir sind ziemlich gut miteinander befreundet", erklärt Sänger Colin Doran, mit 27 Jahren der Bandälteste. "Der Kontakt kam durch unseren Singles-Club zustande, mit dem wir unbekannte Bands in England populärer machen wollen. Errortype:11 kannte hier kaum jemand, dann veröffentlichten wir die Splitsingle und verkauften knapp zehntausend Exemplare." Danach folgte eine ausgiebige Tour mit Rival Schools, die Hundred Reasons im März dieses Jahres als Support für fünf Gigs auch nach Deutschland führte. "Wir trafen Walter erstmals in New York, als wir unser Album dort aufnahmen und verstanden uns sofort", erklärt Colin, der mit seiner Lockenmähne Vergleiche zu Cedric Bixler von The Mars Volta herauf beschwört. Dass man das Album in New York aufnahm, ist plausibel, schließlich hat Dave Sardy dort sein Studio. Der Mann, der zu den vielseitigsten und gefragtesten Produzenten unserer Tage gehört (vgl. VISIONS Nr. 107), war übrigens der einzige Knöpfchendreher, auf den sich alle Bandmitglieder (neben Paul und Colin noch Zweitgitarrist Larry Hibbit Drummer Andy Bews und Bassist Andy Gilmour) einigen konnten. "Es war großartig, mit ihm zu arbeiten. Er hat zwar einen ziemlich seltsamen Humor, aber die Aufnahmen waren wirklich cool", versichert Paul. Hauptsächlich entschieden Hundred Reasons sich für Sardy, weil er auch dem Emocore-Meisterwerk "Water And Solutions" von Far zu klangvoller Perfektion verhalf. Die zwölf Stücke von "Ideas Above Our Station" besitzen dann auch den typisch warmen, klaren Sound, für den Sardy mit seiner analogen Aufnahmetechnik berüchtigt ist. Die Songs sind angenehm abwechslungsreich ausgefallen, gleich der Opener "I’ll Find You", der erstmals im vergangenen November auf der "EP Three" (in rotem Vinyl) veröffentlicht wurde, besitzt einen unschlagbaren Rhythmuswechsel. Mit viel Groove und großer Melodie wird hier gerockt, darüber steht Colins Stimme, die in ihrer kräftigen Natürlichkeit unaufdringlich und doch eingehend daherkommt. Ähnlich geht es weiter: Schöne Melodien paaren sich mit sparsamen Aggressionsausbrüchen. Doch was die Platte so angenehm macht, ist, dass man sie nicht einfach in eine der unbeliebten Genre-Schubladen stecken kann, weshalb in den englischen Musikmedien selten von Emo die Rede ist, sondern von "Nu Rock". Schön, dass auch die Songs, die nicht auf "Ideas Above Our Station" erschienen sind, ebenfalls großartig sind. Bereits mit der "EP Two" (in gelbem Vinyl) gaben Hundred Reasons ihren Majoreinstand bei der `Sony`-Tochter `Columbia`, die beiden darauf vertretenen Stücke "Remmus" und "Soapbox Rally" wurden noch vom Kollegen John Hannon produziert. "`Columbia` stellte dann später das Geld zur Verfügung, damit wir mit Sardy arbeiten konnten", verrät Colin. Kaum verwunderlich, gelten die Jungs doch als hoffnungsvolle (und somit gewinnbringende) Newcomer, die durch zahlreiche Touren (u.a. mit Muse und Incubus) auf eine gefestigte Fanbasis bauen können. Der Kontakt zu `Columbia` entstand, als deren UK-Managing-Director die Band bei ihrer gerade mal vierten Show sah - etwa ein Jahr bevor der Vertrag unterschrieben wurde. Colin erläutert: "Die Firma ist toll, die Leute sind nett und mittlerweile hat sich eine richtige Freundschaft entwickelt. Es ist schließlich nicht so, dass sie unangenehme Forderungen an uns stellen, sie lassen uns freie Hand". Neben weiteren britischen Bands wie Kids Near Water, Seafood, Vex Red, Crackout oder auch den Lost Prophets gehören Hundred Reasons zur Speerspitze einer neuen, amerikanisch orientierten Musikszene. Aufhorchen ließen in diesem Kontext erstmals A, die Colin "gute Freunde von uns" nennt - "falls man das bei unseren seltenen Zusammenkünften überhaupt so sagen darf. Die Jungs gelten als Großväter der neueren britischen Musikszene, weil sie die ersten waren, die sich dem Fun-Punk- oder Skate-Punk-Schema amerikanischer Bands auffällig näherten, und damit, abgesehen vom Gesang vielleicht, nicht mehr wirklich britisch klangen." Andy fügt hinzu, dass "wir alle Gleichgesinnte sind - auch wenn die Bands ganz unterschiedlich klingen. Allerdings sind wir nicht Emo, Metal oder Punk, sondern vereinen Elemente all dieser Stilrichtungen und machen einfach Big Rock." Gerade live wissen die Jungs mit diesem Gebräu zu überzeugen. Kommt die Band im Gespräch sehr sympathisch und fast schüchtern rüber, wirkt sie auf der Bühne sehr professionell. Besonders Colin ist ständig in Bewegung, springt, tanzt und schwingt seine rotblonde Mähne. Da verwundert es auch nicht mehr, dass es zwischen der ausgeglichenen Frohnatur Walter Schreifels und Hundred Reasons sofort funkte. "Ich denke", so Schlagzeuger Andy, "dass man unbedingt eine unserer Shows besuchen sollte. Wir bieten Rock für jeden Geschmack, es ist richtige Familienunterhaltung. Kinder dürfen ihre Eltern gerne mitbringen, denn wir haben einen ganzen Haufen Liebe zu geben - für jeden von euch!"